Nicht steht mir zu, über eines andern Leben zu urteilen! Für mich allein muß ich urteilen, muß ich wählen, muß ich ablehnen.– Hermann Hesse, Siddhartha
Unkommentiert liste ich einige Gedankengänge auf. Ich möchte sie nicht verloren wissen, sind sie doch ein Teil von mir …
August 2016
Liebe Menschen brennt doch für etwas,
etwas, das euch leben lässt.
Schenkt euer Herz, widmet jeden Gedanken,
kreiert und zelebriert euer eigenes Fest.
September 2016
Ich wünsche mir so sehr,
dass die Menschheit aufmerksamer wär‘.
So vieles ist uns eine Lehre,
genau hinschauen ist das Gebot,
zu erkennen des Einzelnen Not.
Aber auch zu unterscheiden,
wer nur vorgibt zu leiden;
uns nicht blenden lassen von Täuschungen aller Art,
ein tatsächlicher Balanceakt von schwierigem Grad.
Oktober 2016
Schnell abbrechen bevor Tränen dich hindern zu sprechen,
Gefühle hoch kommen die dich ersticken.
Enttäuschungen schnell ablegen,
bevor Situationen noch mehr bewegen.
Liebe nicht wirklich zu empfangen,
nur Worte, die tiefes Empfinden nicht erlangen.
Wenn Menschen sich begegnen mag vieles unterschiedlich sein,
Wie fange ich an? Noch kenne ich auch gar nicht meine Intention, warum ich diesen Text schreibe. Aus Anklage? Nein, das ist nicht der Grund. Eher um mit meiner Einzeldarstellung die Debatte, die der Mordfall einer jungen Frau auf ihrem Nachhausesweg in Großbritannien und in vielen anderen Teilen der Welt ausgelöst hat zu unterstreichen. Der Fall, der leider kein Einzelfall ist, zog so viel Aufmerksamkeit auf sich, vor allem wegen der Reaktion einzelner Männer und Behörden. Es geht nicht um die Frage, warum eine Frau im Dunkeln noch so spät unterwegs ist oder sich in einsamen Gegenden aufhält. Es steht auch nicht zur Diskussion was sie getragen hat. Nicht Frauen müssen ihr Verhalten ändern, sondern Männer! Laut einer von der britischen Vertretung von UN Woman veröffentlichen Studie haben 97 Prozent aller Frauen zwischen 18 und 24 Jahren schon sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum erfahren. Dass dieses Problem nicht allein ein britisches, sondern ein weltweites ist, sollte klar sein. Es gibt kein Land, in dem es keine patriarchale Gewalt gibt. Es gibt Empfehlungen, wie man sich als Frau verhalten soll, wenn es mulmig wird; z.B. eine aufrechte Haltung einnehmen, mitten auf dem Bürgersteig gehen, nicht an der Häuserwand entlang schleichen, nicht stimmlich einknicken und den Mut haben wirklich sehr laut um Hilfe zu schreien. Dennoch kann dies in einer Gesellschaft, in der alle Menschen sich gleich wohl fühlen sollten, wenn sie draußen sind, keine Lösung sein. Als meine Tochter zum Studium nach Berlin zog, hatte ich anfangs Angst, wenn sie nachts alleine in ihre WG zurückkehrt. Mittlerweile denke ich persönlich, dass es in einer Großstadt fast sicherer ist, als auf dem Dorf, da dort auch nachts noch viel mehr Bewegung ist. Und es gibt Städte, in denen U-Bahn Stationen um Mitternacht belebter sind als um 11 Uhr morgens, so ging es mir zumindest in Madrid, als ich alleine die Stadt erkundete und mich auch nachts nicht unsicher fühlte. Eine gute Initiative ist das deutschlandweite Heimwegtelefon. Das Heimwegtelefon ist ein Service bei dem man nachts anrufen kann, wenn man sich auf dem Nachhauseweg unsicher fühlt. Am Telefon wird man von einem* einer Ehrenamtlichen bis nach Hause begleitet. Erreichbar Sonntag bis Donnerstag von 18 bis 00 Uhr und Freitag bis Samstag von 18 bis 03 Uhr unter 030 12074182.
Warum kam das Thema bei mir plötzlich auf? In der Regel habe ich keine Angst. Immer war ich auch alleine tief im Wald unterwegs, ob mit dem Fahrrad oder regelmäßig zum Joggen. Zwar ist meistens mein Hund dabei, aber mit 22 kg kann der nicht viel ausrichten, sollte ich in eine brenzliche Lage kommen. Gestern aber hatte ich eine so seltsame und ungewöhnliche Begegnung im Wald, die mir Angst machte und ich eine Weile überlegen musste, warum ich so getriggert wurde, denn die Situation war nicht beängstigend, sondern einfach nur völlig fremd. In New York hätte ich mich vielleicht nicht so sehr gewundert, aber im beschaulichen Seligenstadt schon. Nach der Begegnung mit der auffälligen Person musste ich googeln, was dahinter steckt und bekomme jetzt eventuell Werbung diesbezüglich, was mich jedoch in keinster Weise betrifft. Da ich kurzsichtig bin, konnte ich anfangs nur erkennen, dass die Person von großer Statur ist und sich anders bewegt. Ich dachte an einen älteren Herrn, der eventuell mit Gewichten an den Handgelenken läuft, so wie ich das tue. Er schien fast ein wenig Roboter gleich. Da ich weiß, dass meine Hündin oft ängstlich reagiert, wenn jemand sehr groß ist und dazu dunkle Kleidung trägt, nahm ich sie näher zu mir. Je näher mir die Person auf dem Waldweg kam, desto befremdlicher wurde das Erscheinungsbild. Erst in unmittelbarer Nähe konnte ich mir ein genaues Bild machen, auch wenn ich mich scheute, die Person genau zu betrachten. Ich weiß nicht ob ich nur erstaunt schaute oder verängstigt, jedenfalls grüßte ich mit einem freundlichen „Hallo“ und bekam im Gegenzug ein kurzes Winken mit dem Vorderhuf zurück. Ja, mit einem der beiden Hufe, denn die Person war, zwar aufrecht gehend, als Pferd unterwegs! Der komplette Körper, auch Kopf und Gesicht, waren in einem schwarzen Ganzkörper Latexanzug. Auf dem Kopf trug der Mann eine lange helle Mähne, in gleicher Farbe war der Schweif hinten. Er atmete schwer. Auch Gurte und Karabiner trug er mit sich. Meine Hündin reagierte seltsamerweise gar nicht, obwohl sie mich regelmäßig anbellte, wenn ich im Faschingskostüm die Treppe herunter kam. Ich war jedenfalls total perplex und überfordert mit der Begegnung. Ich las nach, dass sich dieser Fetisch „Pony Play“ nennt und die Fans die Charaktereigenschaften des dargestellten Tieres übernehmen. Gut, wäre dies geklärt, an dieser Stelle. Trotz allem beschäftigte mich die Begegnung noch den ganzen Nachmittag und erst am Abend konnte ich mir erklären, warum diese Situation mich so nachdenklich machte.
Nach einer Begegnung mit einem maskierten Mann vor Jahren ist mir diese eine Angst geblieben. Sobald das Gesicht eines Menschen nicht zu erkennen ist, bin ich handlungsunfähig, versteinert. Und gestern wurde ich durch das harmlose Pferd im Wald daran erinnert. Und hier komme ich auf mein eigentliches Thema zurück. Aus gewaltsamen Begegnungen mit Männern bleibt eine Bandbreite von, milde ausgedrückt, unschönen Erinnerungen. Selbst wenn eine Frau körperlich relativ unverletzt bleibt, bleibt die seelische Grausamkeit ein Thema und verheilt nie vollständig. Ich möchte dies hier nicht vertiefen, aber unsere Gesellschaft sollte alles dafür tun, dass Frauen und Kinder sicherer vor Gewalt geschützt sind.
Der fast vergessene Name
Was erfolgreich Jahre schien verdrängt,
sich plötzlich schonungslos mit Gewalt aufzwängt.
Stück für Stück kommt die Erinnerung,
nackt und hilflos ohne Linderung.
Angstvolle Minuten, Stunden kehren zurück,
kaum zu ertragen dieses Unglück.
Verletzlich wie ein angeschossenes Reh,
bist du am Boden; alles tut dir weh.
Im Dunklen völlig orientierungslos,
allein gelassen, zerbrechlich und hilflos
kannst du dich kaum bewegen,
frierend auf feuchtem Laub vom Regen.
Fängst langsam an dich zu besinnen,
krampfhaft versuchend dem gerade Erlebten zu entrinnen,
Most people are afraid of the so called dangerous road.
They rather stay on the path everybody else had already and always taken .
Without thinking cruising canals on the hop on hop off boat,
there’ll never be an awakening .
Life is full of wonders ,
you’ll only experience when leaving the path,
although you might suffer terrible thunders,
you will be the one showing no wrath.
Be brave, explore the world,
show kindness, stay true,
Bury every kind of sword
and the world will love you.
Irgendwann entwickelte sich in mir der Traum eine Packpferde – Tour in der Wildnis Kanadas zu machen. Wo und wann diese Idee geboren wurde, weiß ich gar nicht mehr. Aber fest stand, ich wollte meinen 50. Geburtstag so erleben. Am tatsächlichen Geburtstag war ich letztlich in Marrakesch, denn diese besondere Tour in Kanada wurde nur 2x im Jahr angeboten, so dass es erst 2 Monate später auf Reisen ging. Die Reise wurde etwas komfortabler beschrieben als sie am Ende war, aber das war nicht das Problem. Mein Problem war ein ganz anderes. Ich erinnere mich nicht, ob ich es vorher auch schon in unauffälligeren Formen erlebte, aber die Reise war der Beginn meiner Angststörung, die häufiger auf Episoden der Depression folgen kann und nicht ungewöhnlich ist. Ich hatte meinen Trip alleine geplant, jedoch wollte mein jetziger Partner mich begleiten, selbst wenn wir nicht zusammen bleiben würden. Diesen Wunsch äußerte er am Beginn unseres Kennenlernens damals, so dass es tatsächlich in den Sternen stand, ob wir ein dreiviertel Jahr später ein Paar sein würden. Zum Glück konnte ich dieses Abenteuer mit ihm teilen, er stand mir in schwierigen Momenten beiseite und wir lieben uns noch heute.
Eventuell war in meinem Kopf, dass ich nach der Reise eine Operation vor mir hatte, die mir Angst machte. Auch wollten die Ärzte nicht, dass ich die Reise antrat, letztlich ging alles gut, über alles andere denke ich heute nicht mehr nach.
Der Tag war gekommen, wir gingen an Bord eines Lufthansa Fluges nach Vancouver. Sobald die Maschine die Flughöhe erreicht hatte, fing es in meinem Kopf an zu arbeiten, bis zu welchem Zeitpunkt ich den Piloten noch zur Umkehr bewegen konnte, bevor wir nur über Wasser waren. Ich bekam Herzrasen, klatschnasse Hände, meine Beine wurden taub und ich war mir sicher ich würde den Flug nicht überleben. Dieser Zustand war mir komplett neu. Ich arbeitete ja Jahre für Fluggesellschaften, war Langstreckenflüge gewohnt und liebte das Fliegen. Was den Zustand verschlimmerte war, dass ich nicht aufstehen konnte, geschweige denn aussteigen. Ich habe lange mit mir gerungen, aber dann tatsächlich die Crew über meinen Zustand informiert. Natürlich konnten sie wenig tun, hatten aber Verständnis und sahen immer wieder nach mir. Ca. 2 Stunden kämpfte ich mit der belastenden Situation, bis sich Kopf und Körper beruhigten, ich Filme schauen konnte, um mich abzulenken und wir sicher Stunden später landeten. Es war so schlimm, dass ich sofort nach Landung meinen Arbeitgeber anrief, ich könne nicht mehr zurück, da mich keine 10 Pferde mehr in ein Flugzeug bringen, obwohl ich ja eigentlich keine Flugangst hatte.
Die Angst blieb lange hängen. Die ersten Tage verbrachten wir in Vancouver. Auch dort überraschten mich immer wieder Panikattacken, die ich weder einordnen, noch begründen oder verhindern konnte. Zum Beispiel liehen wir uns Räder und mich überforderte der Verkehr in der Stadt plötzlich so sehr, dass ich absteigen und mich auf den Bürgersteig setzen musste inmitten des Chaos. Ständig hatte ich das Gefühl ich werde ohnmächtig und sterbe einfach.
Da mir nichts besseres einfiel, kaufte ich mir zumindest Bachblüten rescue Tropfen und Kaubonbons, bevor wir den Flug nach Whitehorse antraten, der aber unauffällig verlief. Whitehorse liegt am Yukon River genau da, wo während des Klondike-Goldrausches die Goldsucher die Whitehorse-Stromschnellen zu überwinden hatten. Whitehorse ist seit 1953 die Hauptstadt des Yukon-Territorium. Mit einer Mainstreet ist die Stadt sehr übersichtlich. Im Winter ist die Stadt auch Startpunkt des Hundeschlittenrennens, dem Yukon Quest, an dem auch unsere Gastgeberin Jocelyn auf der eineinhalb Stunden entfernten Sky High Wilderness Ranch am Fish Lake erfolgreich teilnahm. Wir wurden freundlich von Gary am Flughafen in Emfang genommen und fuhren mit einem Pick up auf unbefestigten Wegen zur Ranch. Gary ist der Betriebsleiter bei Sky High. Er beaufsichtigt den Betrieb der Touren sowie die Konstruktion und das Personalmanagement. Er ist ein begeisterter Jäger und Angler und seine Liebe zur Natur hilft ihm, dem Motto treu zu bleiben, die „Wildnis“ in all den Touren lebendig zu halten.
Ab Ankunft hieß es dann für die nächsten 10 Tage kein Strom und kein fließend Wasser. Wir lernten unsere Gruppe kennen, die ich sehr schätzen lernte in unserer gemeinsamen Zeit. Ein pensionierter amerikanischer Feuerwehrmann, der selbst Pferde besaß, eine junge Französin, die die Tour unterstützte und eine junge Schweizerin. Und natürlich am wichtigsten; Ian unser Guide. Ursprünglich aus Kalifornien stammend, kam Ian 1974 im Alter von 20 Jahren in den Yukon. Er ist ein echter Yukon-Cowboy, der schon lange hier lebt. Er ist ein erfahrener Trapper, Musher und Pferdemann. Die Gegend um den Fish Lake ist sein Revier und er kennt jeden Trail, jeden Bach und jeden Berg. Auch ihn mochte ich sehr. Zwei Nächte blieben wir auf der Ranch, lernten uns und die Pferde kennen, unternahmen Tagesausritte, bevor es auf den längeren Trip mit Übernachtungen im Zelt losging. Untergebracht waren wir auf der Ranch in einfachen Zimmern, draußen auf dem Gelände waren zwei „outhouses“(WC), zum Waschen erhitzten wir uns Wasser über dem Ofen.
Auf der Ranch waren auch ca. 150 Schlittenhunde untergebracht. Jedes Mal zur Fütterungszeit wurde es laut. Ein Partner der Ranch ist nämlich Jocelyn Leblanc. Sie ist in New Brunswick aufgewachsen und kam vor mehr als 13 Jahren in den Yukon. Sie hat ca. 44 Hunde, einschließlich ihres Rennteams, und nahm 2010 am Yukon Quest teil, wo sie sowohl den „Red Lantern Award“ als auch den „Challenge of the North Award“ für das Absolvieren des Quest von Dawson City mit nur 7 Hunden gewann.
Die Pferde dort leben von ca. Oktober an in der Wildnis und werden im Mai zur Ranch geholt. Sie sind sehr trittfest und robust. Meine Pferde zuhause waren Dressurpferde mit guter Abstammung, aber sehr empfindlich und haben in den Jahren viel Tierarztkosten verschlungen. Mir wurde die 4 jährige Stute „Cricket“ zugeteilt und ich mochte sie sofort. Zelte, Schlafsäcke, Kochgeschirr und Lebensmittel wurden verpackt und auf 4 Packpferde verteilt. An unseren Sätteln waren lediglich noch kleine Satteltaschen befestigt. In einer greifbar waren meine rescue drops verstaut, ansonsten die neue Outdoor Kamera und ein Regenponcho, den wir leider häufig brauchten. Das Reiten in der kleinen Gruppe war sehr entspannt und ruhig. Jeder war in Gedanken und ergriffen von der Weite. In den kommenden Tagen begegneten wir niemand. Wir ritten stundenlang auf unbefestigtem Terrain, Wege existierten nicht. Teilweise waren die Büsche genauso hoch wie wir auf den Pferden und schlugen uns gegen die Körper. Wir ritten durch Wasser, an Bergkämmen entlang; teilweise bis zu 8 Stunden am Tag. Auch wenn ich zuhause täglich ritt, war dies nicht zu vergleichen. Es war so anstrengend, dass ich, wenn ich abstieg, richtig zittrige Beine hatte. Wir ritten bei strömenden Regen im Wechsel mit Sonnenschein, im Großen und Ganzen war es aber nass und kühl. Die Landschaft war beeindruckend, auch wenn ich vorher schon in Nordamerika war und Weiten erfahren habe, hier im Yukon ist es noch einmal ganz anders. Wenn wir einen Rastplatz erreicht hatten, sattelten wir die Pferde ab, banden sie fest und widmeten uns den Packpferden, um Lebensmittel, Geschirr, Zelte, usw. abzuladen. Teilweise übernachteten wir bei einer Hütte, sobald man hinein schaute, war aber schnell klar, dass das Zelt die bessere Wahl war. Zumindest waren unsere Sachen ab und zu im Trockenen. Abends bereiteten wir eine einfache gemeinsame Mahlzeit über dem Feuer vor und plauderten angenehm. Jeden Morgen brauchte es einige Zeit, bis wieder alles in die Container verräumt war und auf den Packpferden verzurrt war. Meine Cricket war immer schnell gesattelt und gezäumt, leider dauerte es ihr jedoch einen Morgen alles in allem zu lange und sie legte sich gesattelt noch einmal hin und zerquetschte dabei meine neue outdoor Camera, die ihr Gewicht leider nicht aushielt. Das war Pech. Die Strecke wird vorher nicht einmal probeweise abgeritten, so dass es jedes Jahr im Frühsommer zu Überraschungen kommt, da die Biber lange Zeit haben ganze Arbeit zu leisten. Übrigens muss das Wasser immer gefiltert werden, sonst läuft man Gefahr am „beaver fever“ zu erkranken. Durch den großflächigen Umbau der Biber in der Natur, gerieten wir plötzlich in sumpfiges Gelände. Mit Entsetzen sah ich vor mir die Packpferde einsinken und in Panik geraten. Es war ein wahnsinniges Durcheinander, irgendwie schafften sie sich aber aus der Situation zu befreien. Auch das Pferd meines Partners geriet in den Sumpf und sank mit den Hinterbeinen tief ein. Es ist ein fürchterliches Gefühl auf dem Pferd dahinter zusehen zu müssen und nichts tun zu können, außer sich einen anderen Weg zu überlegen. Mein Partner sprang vom Pferd auf ca. einen m² festeren Boden und konnte sich und sein Pferd retten. Auf dem gesamten Trip verließ ich mich auf meine junge Stute und überließ ihr in Gefahrensituationen die Wahl des Weges und sie lag immer richtig, denn wir beide waren nie in einer misslichen Lage. Ein bisschen anstrengender zu handeln war sie tatsächlich nur einmal an einem See bei schwülem Wetter, da die Mücken sie ärgerten.
Die meiste Zeit ging es mir sehr gut während des Trips. Manchmal machte mir die Höhe und Weite Angst und ich beruhigte mich mit einem Griff in die Satteltasche nach meinen rescue drops. Und wenn es nur der Glaube daran war, Schlimmeres konnte ich immer abwenden. Die Tage auf den Pferden durch die Gegend zu ziehen, insgesamt wenig Worte zu verlieren, hatte etwas Meditatives und genau so hatte ich es mir auch vorgestellt. Mit meiner kleinen Stute Cricket fühlte ich eine Einheit und genoss die Zeit mit ihr. Ein Tag jedoch überforderte mich völlig, ich verlor meinen Mut, war mit meinen Kräften am Ende und wäre die Chance da gewesen, hätte ich nicht nein gesagt, hätte es ein Angebot gegeben, dass ein Helikopter mich ausfliegt. Aber mitten in der Wildnis gibt es kein Zurück, ich musste mich meinen Ängsten stellen. Wir hatten einen Tagesritt in strömendem Regen, es war nasskalt, ich fror und hatte keine Lust mehr. Das ist noch zu steuern, in emotionale Panik geriet ich aber, als wir hoch oben auf einem Bergkamm ritten. Rechts und links metertiefer Abgrund, der Boden völlig aufgeweicht. Vor mir sah ich die beladenen Packpferde auf dem schmalen Grad, die Schweife aneinander gebunden, und ich stellte mir vor, eines rutscht aus und zieht alle miteinander in die Tiefe. In mir steigerte sich die Angst, es gab jedoch keine Chance die Situation zu verlassen, ich musste mich ihr ergeben. Heute kann ich es gut akzeptieren, wenn ich eine depressive Episode habe, diese anzunehmen und auszusitzen. Ich weiß es passiert mir nichts. Aber aus einer Panikattacke auszusteigen, gelingt mir bis heute nicht. Dieses Mal zumindest gab es für meine Angst einen Grund. Es kam viel zusammen. Mein Körper war von den Strapazen geschwächt, ich war durchnässt und fror, es gab keine Aussicht auf Besserung des Wetters und den Bergkamm hatten wir auch lange noch nicht verlassen. Die nächste Rast und Nacht war an einem Fluss geplant, sicher einmalig schön, aber nicht im strömenden Regen. Schnell halfen wir uns gegenseitig die Zelte aufzubauen. Ich verkroch mich in den Schalfsack, nichts war mehr trocken, essen wollte ich auch nichts, nur weinen und mich am liebsten nach Hause in mein Bett beamen und an einem sicheren Ort aufwachen. Matt, der pensionierte Feuerwehrmann aus Ohio, schaffte es irgendwie für uns bei strömenden Regen Hühnchen mit Brokkoli zu kochen und brachte mir einen Teller ins Zelt. Ich aß ein paar Bissen und war ihm sehr dankbar. Einmal musste ich noch raus in den strömenden Regen um Pipi zu machen. Ich traf auf unseren Guide und sprach ihn auf meine Ängste an, sagte ihm, dass es mir nichts ausmacht 8 oder 10 Stunden im Sattel zu sein, aber, dass ich mittlerweise um mein Leben fürchte, aufgrund des durchweichten Bodens überall. Im Gegensatz zu mir, nahm er meine Ängste nicht sehr ernst, was vielleicht die richtige Einstellung in dem Moment war und entgegnete mir stattdessen nur: „Ach Andrea, ich war hier schon bei Eis und Schnee tagelang unterwegs. Mach dir keine Sorgen“. Natürlich auf Englisch. Gut, ca. 50 Jahre ritt er dort durch die Gegend, das war sein Leben. Was blieb mir übrig, ich musste die Situation akzeptieren und vor allem mich auch darauf einlassen. Immer noch frierend und etwas resignierend verzog ich mich wieder in mein Zelt und hatte zum Glück meinen geliebten Menschen neben mir. Die Nacht war kurz, aufgeregte Rufe weckten uns. Drei der Packpferde rissen sich in der Nacht los, wir banden sie immer mit langen Stricken an Büschen fest und waren über alle Berge. Die junge Französin, die die Tour mit begleitete sattelte schnell ihren Schecken und galoppierte los. Kurz wurde darüber diskutiert, ob ich mit Cricket folgen sollte. Manchmal fragte ich mich schon, ob die Summe für die Reise gerechtfertigt war 😉 Unser Guide bereitete sich aber auch schon vor. Durch einen Reitunfall war er ein wenig eingeschränkt, was seine Beweglichkeit anging. Also entschied ich ihn zu unterstützen und sein Pferd zu satteln. Ich weiß nicht mehr wie viel Zeit verging, jedoch tauchten die Pferde über die Bergkuppen wieder auf und alles in allem mussten wir nur etwas Zeit aufholen um das Tagesziel zu erreichen. Abgelenkt von der nächsten Aufregung war meine Angst verschwunden. Außerdem regnete es nicht mehr. Meine Stute war trittsicher. Eigentlich erinnerte sie mich mehr an eine Gemse, wie sie sich mit dieser Leichtigkeit im Gebirge bewegte. Wenn es bergauf ging, warteten wir ab, bis alle Pferde im Schritt oben waren, dann galoppierte sie hinterher. Das machte nicht nur mir, sondern scheinbar auch ihr sehr viel Spaß. Es ist schon ein seltsames Gefühl wenn man sich tagelang mitten in der Wildnis ohne Straßen, Wege oder Begegnungen bewegt. Das kann Angst machen. Später erfuhr ich, dass wir ein Satellitentelefon für den Notfall dabei hatten. Am letzten Tag wurden die Pferde etwas schneller, es ging zurück zur Ranch. Der Ofen wärmte in der Hütte, über dem Feuer heizten wir den Wassersack und wir alle konnten endlich duschen. Jetzt war sogar das Outhouse (Außen WC/Plumpsklo) ein Luxus. Jocelyn hatte gekocht und wir saßen wieder an einem Tisch und nicht mehr auf nassem Boden. Ich erinnere mich noch gut,dass außer unserer zurückkehrenden Gruppe noch eine australische Dame für eine Nacht Gast auf der Ranch war und wie sie mir nach den ruhigen 10 Tagen in der Natur, mit ihrem unwichtigen Geplapper über ihren Job auf die Nerven ging. Vielleicht war ich aber auch nur übermüdet und entkräftet. Am nächsten Tag verließen wir die Ranch um noch eine Nacht im einzigen Hotel auf der Mainstreet in Whitehorse zu übernachten. Weiße Bettwäsche und eine richtige Dusche taten gut. Am späten Nachmittag gönnten wir uns Bier und Fischburger im Klondike Rib & Salmon. Wir waren noch immer sehr ruhig und ließen die Zeit etwas Revue passieren. Am liebsten hätte ich Cricket mit nach Hause genommen, aber damit hätte ich ihr keinen Gefallen getan. Der Rückflug stellte sich für mich nicht als Problem dar. Im Anschluß wurde ich erfolgreich operiert. Die Angststörung ist mir zuhause mit immer wieder kehrenden Panikattacken geblieben und war nur medikamentös zu lösen, letzlich. Diese Reise war besonders und gerne möchte ich wieder an besondere Orte reisen und auch Abenteuer erleben. Ich hatte mir überlegt, ob ich an den Reiseanbieter ein paar Zeilen richte, denn die Reise war nicht wie beschrieben. Aber auf der anderen Seite war es schließlich unwichtig, denn der Trip bot so viel mehr. Die Tour, welche sowieso nur 2 mal im Jahr stattfand wurde eingestellt. Das macht die Teilnahme noch einmal besonders. Ich könnte noch sehr viel von Eindrücken der Reise schreiben, auch von all den vielen Tieren, die uns in freier Wildbahn begegnet sind, aber wichtig ist mir mit diesem Bericht zu betonen, dass wir so viel stärker sind, als wir es von uns selbst glauben. Wir alle können gewohnte Pfade verlassen, um noch einmal auf meine Anfangszeilen zurück zu kommen, und manchmal ist es auch notwendig um im Leben weiter zu kommen. Und für uns alle, die mit psychischen Erkrankungen kämpfen: es ist nicht das „Aus“. Wir können trotzdem herrliche Dinge erleben und erlernen mit der Erkrankung zu leben.
Dem Alltag entschweben und mich für einen Moment über alles erheben.
Von oben auf euch herunter blicken,
nicht eingreifen können,
aber dennoch wohlwollende Gedanken schicken.
Mich bewusst abgrenzen und dankbar den Irrsinn schwänzen.
Ich wünschte die Menschen würden von Zeit zu Zeit inne halten,
aufhören, Zeit und so vieles mehr, nur zu verwalten,
sondern spielerisch von vorne beginnen,
diesmal bewusst achtsam und mit allen Sinnen.
Noch heute bin ich sehr glücklich darüber mir einen großen Wunsch erfüllt zu haben. Zu meinem 50. Geburtstag, damals.
An diesem Tag bin ich wirklich dem Alltag entflohen. Ich hatte einen Tandemgleitschirmflug vom Nebelhorn bei der Flugschule Oase in Obermaiselstein im Allgäu gebucht. Und das tollste, meine Tochter entschied mich zu begleiten. Zu Abenteuern ist sie sofort bereit. Das Nebelhorn bietet eine herrliche Aussicht über 400 Gipfel. Bei gutem und klarem Wetter kann man die Gipfel bis in Südtirol sehen. Ein unvergessliches Erlebnis mit beeindruckender Bergkulisse mitten in den Allgäuer Hochalpen war mir garantiert. Es gibt zwei Startplätze, einen auf 1930m , den höheren am Gipfel auf 2220m.
Ganz früh, wir waren nicht einmal aufgestanden, rief uns schon einer der beiden Piloten der Flugschule an, dass der Flug in den späteren Vormittag verschoben wird, in der Hoffnung, es klart auf. Einige Gleitschirmflieger saßen oben fest, da nur bei absolut klarem Wetter geflogen werden darf. Also konnten wir den Morgen gemütlich angehen, obwohl, besonders ich, doch voller Vorfreude und Aufregung war. Gegen 10 Uhr trafen wir, nachdem wir im Hauptbüro noch hohe schwere Bergstiefel ausgeliehen hatten, am Parkplatz ein. Mein Pilot erwartete uns, der meiner Tochter war noch oben am Berg. Er entschied, auch wenn der Gipfel im Nebel war, trotzdem mit der Bahn zumindest auf 1930m hoch zu fahren. Mit zwei großen Rucksäcken voll Ausrüstung stiegen wir ein. Oben angekommen sah es noch nicht sehr vielversprechend aus. Jetzt mussten wir uns einig werden, wer den Anfang macht. Meine Tochter und ich mussten nicht streiten, denn der Pilot entschied schnell es ist der Tag der Mutter! Außerdem entschloss er sich das Wagnis einzugehen und trotz unklarer Sicht, mit der zweiten Bahn ganz auf den Gipfel zu fahren. Ich war nicht ganz glücklich damit meine Tochter auf 1930m alleine zu lassen, aber ihr Pilot war auch schon auf dem Weg nach oben sie zu treffen.
Ich erinnere mich gut daran, dass es gar nicht so leicht war mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken und den starren Stiefeln dem flinken Tandempiloten hinterher stolpernd, den Berg bis zur einer Kuppe ein wenig hinab zu laufen und fühlte mich schon etwas unsicher. Vielleicht beeilen sich die Piloten ja absichtlich generell, denn kurz schoss mir schon durch den Kopf was ich eigentlich da oben mache und ob der gewählte Weg nach unten der richtige sei. Ich hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn jetzt hieß es den Schirm richtig auszubreiten und alles zu verschnallen. Ein Erinnerungsfoto wurde noch geschossen und der Mann meines Vertrauens erklärte mir rasch, dass ich nur einfach schnell den Berg mit voller Kraft nach vorne runter rennen soll. Mehr nicht.
Gesagt, getan, wir rannten los und hoben sofort ab. Der Aufwind war so stark – ich war überrascht – aber der Schirm zog uns erst einmal kräftig hoch. Es war verrückt, ich hing einfach in der Luft, ließ die Beine baumeln und flog über die Gipfel. Unter uns konnte ich Bergsteiger beim Erklimmen eines Gipfels entdecken und wir waren noch so viel höher. Es war ein ganz besonderes Gefühl, wie als wäre ich ein Wattebausch, der im Himmel so herumbummelt und sich wünscht der Wind würde ihn immer weiter tragen. Aber an die Gurte haben sich meine Hände doch sehr geklammert, wie ich später auf den Fotos erkennen konnte. Tatsächlich muss ich einen sehr guten Tag mit hervorragender Thermik erwischt haben und außerdem einen netten Piloten, der selbst mit viel Spaß begeistert bei der Sache war. Wir waren 45 Minuten in der Luft, aber die Zeit verging wie im Flug 😉
Der Mann in meinem Rücken fragte nach einiger Zeit, ob wir mal dynamischer fliegen wollen. Ich wusste nicht, was es genau bedeuten konnte, aber stimmte sofort zu. Ich kannte ihn zwar nicht, aber spürte, ich kann vertrauen, denn er ist ein erfahrener Pilot. Im Nu war das sanfte Gleiten vorbei und der Schirm raste links herum und rechts herum, kreiste und trudelte, ähnlich so manchen Fahrgeschäften auf der Kirmis, durch die Luft. Hui, ging das ab! Aus Angst vor eventueller Übelkeit bat ich dann aber recht schnell wieder eine gemäßigtere Fahrt aufzunehmen. Der Ausflug hoch in der Luft, hätte noch ewig dauern können, aber so langsam mussten wir an die Landung denken. Ich bekam kurz die Anweisung eigentlich nichts weiter zu tun, als ein wenig in die Hocke zu gehen und mir vorzustellen von einem Schreibtisch zu hüpfen. Ich sah nach unten auf die Kuhweide und hoffte nur, nicht ausgerechnet in einem Kuhfladen zu landen. Doch schon waren wir gelandet. Zack, wir standen perfekt! Aus meinem Tandempilot brach in wunderbarem Dialekt begeistert der Satz: „Ja, leck mich am Arsch! Was für eine pefekte Landung!“ hervor, wir lachten, packten zusammen und verabschiedeten uns. Dieses besondere Erlebnis – mein Ausflug – hoch in der Luft, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Noch besser, wenn man diese wertvollen Augenblicke teilen kann und am liebsten mit meiner Tochter, die auch nach tollem Flugerlebnis sicher landete.
Und übrigens, ich habe Höhenangst … eigentlich! Aber auch die war verflogen. Wer den „Irrsinn einmal schwänzen will“, hoch in der Luft ist ein hervorragender Ort dafür. Hebt mal ab!
„Kleine Fluchten“ schrieb ich im Dezember 2013. Ich selbst finde, dass ich viel aussagekräftigere Gedichte verfasst habe, diese Zeilen sind einfach nur irgendwie nett, dieses jedoch habe ich mal bei einem Wettbewerb eingereicht und es wurde tatsächlich veröffentlicht und in einem Gedichtband abgedruckt.
Ich liebe das Reisen und so sehr vermisse ich es im Moment. Seit Jahren hatte ich immer mindestens zwei Ziele schon festgelegt und hangelte mich so durch das Jahr. Fahre in die Welt hinaus; sie ist fantastischer als jeder Traum!
Nach dem Abitur lehnte es mein Vater ab mich finanziell zu unterstützen, sollte ich studieren wollen. Jahrelang habe ich darunter gelitten, dass mir das Studium nicht ermöglicht wurde, ich traute mich aber auch nicht, mich dagegen aufzulehnen. Ich hatte überhaupt keinen Plan was ich stattdessen machen sollte, alle meine Freunde studierten. Da ich Jura studieren wollte bestand mein Vater auf eine Lehre als Anwaltsgehilfin. Für mich hatte damals das eine nichts mit dem anderen zu tun, dennoch stellte ich mich in einer Anwaltskanzlei vor und beschloss aber schnell diesen Weg nicht zu gehen. Mein Geschenk nach dem Abitur und zum 18. Geburtstag im Mai 1984 war damals, ab jetzt gibt es kein Taschengeld mehr. Es waren sowieso nur 10 DM/Woche, die jeden Freitag abend mit dem Eintritt ins „Funkadelic“ in Frankfurt am Main schon futsch waren.
Ich jobbte dann 3x in der Woche in einer Kneipe und entschloss mich zu einer IHK geprüften Sprachausbildung in Frankfurt. Mein Ziel war nur Flughafen….und weg! Es war ein privates Institut für Industrie und Wirtschaft mit einer monatlichen Gebühr von 410 DM. Dieses musste ich komplett alleine finanzieren; auch da wollte mich mein Vater nicht unterstützen, also konnte ich nicht sofort starten. Die Zugfahrt mit 100 DM im Monat kam auch noch hinzu. Fast ein Jahr arbeitete ich ungelernt Vollzeit in einer Jeansboutique auf der Frankfurter Zeil, um mir die anfallenden Ausbildungsgebühren anzusparen. Es waren lange Tage im Einzelhandel und vorbei war erst einmal die unbeschwerte Zeit. Auf meine Freunde im Studium war ich neidisch.
Irgendwann war es soweit, ich hatte genug Geld zusammen, um das Fremdspracheninstitut in Frankfurt zu besuchen und zwei Jahre später als 3-sprachige Wirtschaftskorrespondentin erfolgreich zu verlassen. Sofort bewarb ich mich bei der FAG, heute Fraport und konnte erste Reisen antreten. Die Stadt London machte den Anfang und ich liebe diese lebendige und multikulturelle Stadt noch heute! Was für ein Potpourri an verschiedenen Menschen! Wie aufregend und spannend für eine junge Frau von 22 Jahren. Es war damals so einfach. Philippine Airlines flog über London Gatwick nach Manila und ich konnte einfach bei der Zwischenlandung aussteigen. Ein Zimmer hatte ich im Stadtteil Bayswater bei einer Familie aus Pakistan. Ein paar Jahre später nahm ich mal meinen damaligen Mann mit. Es war für ihn unvorstellbar wie ich dort wohnen konnte. Das Frühstück wurde in diesem typischen Londoner Haus im Keller eingenommen. Er ekelte sich damals so sehr vor dem dicken Teppich im dunklen Keller, dass er keinen Bissen runter bekam. Ich konnte es gar nicht nachvollziehen. Der Ort war für mich perfekt 🙂
London im Mai 2016 mit meiner Tochter ♥
Sobald eine Kollegin und ich alt genug waren, um ein Auto anzumieten, flogen wir standby nach San Fancisco. Wir müssen ca. 25 Jahre alt gewesen sein. Unwissend dachten wir damals ein Zimmer für die erste Nacht downtown ist sicher. Die Gegend war übel. Nachts schreckten wir aus dem Schlaf hoch, da vermummte Männer Autoscheiben mit Baseball Schlägern einschlugen. Das kannte ich nur aus der Serie „Straßen von San Francisco“. Tagsüber empfand ich die ersten Straßen aus dem Block als ein Spießrutenlauf inzwischen gefährlicher Menschen. Aber es ging immer alles gut. Ich erinnere mich nur, dass wir gegen den ekligen Geruch des Mietwagens versuchten anzukämpfen, jedoch erfolglos. In nur 10 Tagen fuhren wir den Pacific Highway von San Francisco nach San Diego mit natürlich einigen Zwischenstopps und waren begeistert. Kalifornien ist noch immer mein begehrtes Reiseziel. Später, als ich für American Airlines tätig war, reiste ich sehr häufig dorthin. Durch meine Stippvisite als Assistant Manager bei Singapore Airlines, lernte ich Singapore und Bali kennen. Das war 1992. Als Angestellte konnte ich nicht nur günstig fliegen, sondern auch übernachten und Autos anmieten. Das war natürlich großartig. In Singapore ließ mich der Hotelmanager eines 5-Sterne Hotels 3 Tage umsonst wohnen, sogar. Das waren noch Zeiten (seufz). Von da ging es ins paradiesische Bali. Zu Bali fällt mir eine lustige Blamage in einer Diskothek ein. Schon am Eingang bekam man eine Nummer für ein späteres Spiel. Als die Nummern irgendwann in der Nacht aufgerufen wurden, hatte die gezogene Nummer eigentlich mein damaliger Mann, der weigerte sich jedoch, also stellte ich mich der Herausforderung. Es ging darum einen Ballon auf zu blasen und dann auf den Knien durch einen Parcours zu manövrieren. Aufgeregt und erleichtert, dass ich überhaupt geschafft hatte ihn aufzublasen und zu verknoten, legte ich los und vergaß die Welt, bzw. das Publikum um mich. Irgendwann klopfte jemand auf meine Schulter und sagte: „Sweetheart, game over.“ während ich noch eifrig unterwegs war. Jeder, wirklich jeder andere war schlauer als ich und blies den Ballon nur wenig auf, was es natürlich viel viel leichter machte. Meiner flog ja richtig ! 🙂
Als ich zu Continental Airlines wechselte, war ich zu Schulungszwecken wieder häufig in London und flog in 1 1/2 Jahren 6x nach New York. Das war 1993. Ich kaufte dort echte Roller Blades und fand mich natürlich extrem cool damit im Central Park unterwegs zu sein. Heute fährt mit diesen Retro-Rollschuhen meine Tochter am Tempelhofer Feld ihre Bahnen und meine Sorge ist es, dass es irgendwann einfach zu einem Materialbruch kommt und sie stürzen könnte. Über Newark New Jersey konnten wir mit ganz kleinen Propeller Flugzeugen damals an die Golfküste Floridas nach Sarasota, Tampa, Naples oder Fort Myers fliegen. Die Strände sind mit karibischen Stränden zu vergleichen und ich liebe die vielen Brücken dort. Pfaue schlendern durch die Straßen, Manatees sind dort zuhause und Pelikane natürlich. „Anna Maria Island“ mag ich am liebsten. In Miami fing damals der Schönheits-OP-Boom an, was sehr befremdlich für mich war und auch heute noch ist.
Als ich letzlich bei American Airlines reisen durfte, zog es mich immer wieder nach Kalifornien, mit Abstechern nach Nevada. Mein Traumwohnort bleibt der nicht bezahlbare Ort Agoura Hills. Über die Santa Monica Mountains ist man schnell am Pazifik. Arizona fand ich spannend; als ich aber aus dem Flugzeug das karge Land mit den hohen Kakteen sah, wusste ich, es wird nicht so spannend wie in meiner Vorstellung, nur viel zu heiß. Da ich immer mehr Tickets als wirklich Urlaub hatte, flog ich manchmal kurzfristig in freien Tagen einfach mal z.B. nach San Antonio Texas. Ich genoss dieses Leben und die Reisemöglichkeit sehr.
Auch später behielt ich es immer bei. Die weiteste Reise ging an die North Shore Oahu Hawaii, die aufregendste war eine Tour zu Pferd durch die Wildnis Kanadas. Besonders war auch Marrakesh und auch die Wüstenaufenthalte in den arabischen Emiraten habe ich genossen.
Meine Tochter war standby vom Babyalter an schon auf vielen Reisen nach Kalifornien dabei und natürlich bei allen Familienreisen in ferne Länder. Auch sie zieht es in die Ferne und so traurig es mitunter war, sie lange zu vermissen, bin ich doch froh, dass sie an der Welt so interessiert ist. „Viel wandern macht bewandert.“ – Peter Sirius. Ein Jahr besuchte sie eine Highschool in Napa Valley, nach dem Abitur reiste sie mit einem umgebauten Auto mehrere Monate durch Neuseeland. Gemeinsam machten wir mehrere Mutter – Tochter Kurztripps in den letzten Jahren. Wir hatten tolle Aufenthalte in London, Barcelona, Mailand, Amsterdam und Edinburgh und es sollen noch viele dazu kommen!
Jetzt habe ich mich völlig verloren und könnte noch etliche Reisen aufzählen. In den Jahren als ich sehr an Depression litt, half das Reisen mir enorm. Es war immer eine Flucht. Manche Jahre war ich zwei mal in USA und zweimal in den arabischen Emiraten, dazu noch im Skiurlaub und mehrere Kurztrips waren auch noch auf dem Programm. Es fehlt mir. Es gibt noch so viel zu entdecken. Andere Länder, unterschiedliche Kulturen sind eine Bereicherung und ich kann es kaum erwarten wieder in ein Flugzeug zu steigen. Irgendwann hatte ich mal geschaut, was der weit entfernteste Punkt von meinem Wohnort ist und landete bei den Fiji Inseln. Von den Wasserfällen von Iguazú erreichte mich einmal der begeisterte Anruf eines meiner liebsten Freunde. Und es gibt noch so viel mehr auf meiner bucket list.
“Wenn dich einmal das Reisefieber packt, gibt es kein bekanntes Heilmittel, und ich bin gerne bis zum Ende meines Lebens daran erkrankt.” – Michael Palin
2014 beendete ich nach mehr als zwei Jahren eine tiefenpsychologische Therapie und im Anschluß eine Psychoanalayse. Als ich damals meiner Therapeutin zugewiesen wurde fragte ich sie zu Beginn wann denn der Zeitpunkt sei, dass wir uns wieder trennen werden. Sie antwortete, dass ich es merken werde, wenn es soweit ist. Nun irgendwann war für mich der Zeitpunkt gekommen mich von ihr zu verabschieden. Sie war damit gar nicht einverstanden, dass ich „mein Nest“ bei ihr verlasse; ich im Gegenteil fand es nötig doch mit dem Erlernten ins Leben zu gehen und zu üben. Ich warf von jetzt auf gleich alles über den Haufen. Wer meint das geht nicht, irrt. Ich trennte mich von allem: meinem Mann, meinem Haus, meinem Job, meinem Pferd. Von meiner geliebten Tochter natürlich nicht, aber da sie für ein Jahr eine Highschool in Kalifornien besuchte, waren wir mehrere tausend Kilometer entfernt.
Jetzt ging ich erst einmal auf Jobsuche. 1 1/2 Stunden Telefoninterview und später 4 stündiges Assessment Center bei einem weltweiten Anbieter von Finanzdienstleistungen lernte ich z.B. kennen, kurz machte ich die Erfahrung in einem 5 Sterne Hotel zu arbeiten. Das war immer ein Wunsch, ich stellte es mir spannend vor und wollte es von meiner bucket list streichen. Die Arbeit fiel mir auch sehr leicht. Für mich machte es kaum einen Unterschied; früher buchte ich Passagiere auf Boeing 747, jetzt Hotelgäste in Zimmer und an Tische im Restaurant. Aber letztendlich unterschieden sich Vorstellung und Realität und ich beendete das Hotelleben.
Flughafen Frankfurt, FAG, heute Fraport 1989
Da ich 15 Jahre am Flughafen Frankfurt für große internationale Fluggesellschaften tätig war, lebe ich Dienstleistung. Ich liebe Menschen und fühle mich ausgesprochen wohl unter ihnen. Zufällig entdeckte ich eine Stellenausschreibung und bewarb mich in einem der bedeutendsten Businessclubs in Europa mit dem Ziel Mitgliedern das Leben auf angenehmste Weise leichter machen können, denn darin war ich gut. Ich hatte viel Erfahrung in früherer Tätigkeit als Premium Services Agent bei einer großen amerikanischen Airline machen dürfen. Täglich betreute ich First- und Business Class Kunden in der Lounge und am Gate. Dies war sicher der Grund, dass ich zum Interview eingeladen wurde. Noch heute ist mir dieses Vorstellungsgespräch in bester Erinnerung. Die Einladung war früh morgens an einem Aschermittwoch. Jetzt feiere ich sehr sehr gerne Fasching wie wir in Hessen sagen und zog von mittags um 14 Uhr bis Mitternacht durch Straßen und Kneipen. Vorbereitet hatte ich mich überhaupt nicht. Ich zog mein schickes Boss Kostüm an und meinen schwarzen Boss Blazermantel, den ich so liebte. Am Empfang des potentiellen neuen Arbeitgebers gab ich den Mantel ab und wurde in einen der Konferenzräume geleitet. Ich erinnere mich als sei es gestern gewesen, wie mir der Geschäftsführer und die Personalleiterin gegenüber saßen. Sie hatten ein Konzept für ihr Interview, welches sie aber nicht verfolgen konnten. Ich plapperte ohne Punkt und Komma, erzählte zig Anekdoten aus meiner aufregenden Zeit mit Celebrities aus aller Welt am Flughafen. Sie fanden mich extrem unterhaltsam und hingen an meinen Lippen. Es war ein sehr angenehmes Gespräch, aber irgendwie auch seltsam, denn sie verloren mehr und mehr den Faden. Vielleicht fanden sie aber auch nur meine Geschichten sehr interessant und hörten gerne zu. Mein Mund war vom vielen Reden trocken, ich verabschiedete mich höflich, nahm am Empfang meinen Mantel entgegen und fuhr nach Hause. Zuhause angekommen zog ich mich um, den Mantel hängte ich in den Garderobenschrank. Ich muss, glaube ich , nicht erwähnen, dass ich eine Absage bekam. Das Frühjahr kam, der Mantel hing vergessen im Schrank. Der Sommer verging, es wurde Herbst und ich freute mich auf den schicken Mantel eines Abends. Ich griff in den Schrank und zog mir mein Boss Prachtstück in Gr. 34 über. Was war das? Wieso ist da ein Gürtel? Wieso versinke ich in dem Mantel ? Es war ein Boss Mantel, ja! Aber ein völlig anderes Modell und auch in einer anderen Größe. Ich war totunglücklich und zweifelte an mir, dass ich meinen eigenen Mantel nicht mehr erkannte. Irgendwann fiel mir ein, dass ich nach dem Vorstellungsgespräch im Frühjahr den Mantel nur über meinen Arm legte und gar nicht betrachtete. Das Interview war ein halbes Jahr her. Ich konnte jetzt schlecht nach meinem Mantel fragen. Und überhaupt; vielleicht haben sie mich nicht eingestellt, weil sie dachten ich hätte den Mantel geklaut. Solche Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich habe mich damals schon nicht brilliert, jetzt schämte ich mich noch dazu. Komisch aber auch, er muss ja der anderen Person zu klein gewesen sein. Warum hat mich niemand kontaktiert? Dennoch entschied ich den Mantel zu behalten, er wanderte allerdings in den Keller. Ich holte ihn jetzt nach 6 Jahren hervor und siehe da: In den letzten 6 Jahren hat sich mein Körper von einem krankhaft bedingten eckigen Gerippe zu einer normalen Figur entwickelt und der Mantel passt. Welche Geschichte der Mantel wohl hat? Meine dazu kennt ihr jetzt!
die aufgesetzten Gesichter haben mir noch nie gepasst.
Obwohl; darin war ich bis jetzt ganz gut,
es zweifelt niemand an meinem Mut.
Wer erkennt schon die Wahrheit,
niemand sieht mit solcher Klarheit.
Da ist ein Mensch hilflos und allein,
mag er nach außen auch noch so fröhlich sein….
In dieser eigenartigen Zeit habe ich meine Zeilen von Dezember 2011 gewählt. Ich bin voller Sorge und denke oft daran, wie es gerade diesen Herbst und Winter depressiven und einsamen Menschen geht. Wie lange noch siegt das Lächeln und bleibt der Mut? Voller Hoffnung gehen wir doch oft ins neue Jahr, gelingt uns dies auch dieses Jahr ? Mir geht es sehr gut und trotzdem liegt mit der Corona Pandemie, den Folgen und Maßnahmen eine Schwere auf mir. Ich bin sicher vielen von uns drückt es auf die Stimmung. Wir sind sehr viel alleine, sehen unsere Freunde nicht, eine vorweihnachtliche Ruhe und Sanftheit will nicht so richtig aufkommen. Gesellige Treffen in lockerer Atmosphäre fallen aus. Überall herrscht nur ein Thema vor. Mit Schrecken denke ich an einsame Menschen. Wir können verurteilen, wenn z.B. ein verzweifelter Mensch jeden Abend seine Kneipe aufsucht, um den Alltagssorgen zu entfliehen. Aber was macht derjenige jetzt? In der dunklen Zeit alleine zuhause sitzen. Ich denke dabei an meinen Vater, der, nachdem sich unsere Mutter das Leben nahm, sich immer mehr abschottete, immer einsamer wurde und den Trost im Alkohol suchte. Mein Bruder und ich konnten da nicht viel ausrichten, leider. Mit dem täglichen Weg in die Gaststätte blieb zumindest diese eine Routine und er hatte Gesellschaft und konnte sich ausstauschen. Und diese Routine ist so wichtig. Es hilft ungemein einen Rhythmus zu haben, sich anzuziehen und aus dem Haus zu gehen. Meine rüstige (Ex-) Schwiegermutter wohnt in einem Dorf im Odenwald und traf sich mit Freunden regelmäßig im Cafe in Erbach . Auch das fällt aus. Wie viele Menschen sitzen alleine zuhause ohne Ansprache. Wenn ich in sozialen Netzwerken von Bekannten lesen darf,“macht es euch am Kamin gemütlich, kocht euch etwas Gutes, usw.“, denke ich an all die Menschen , die eben nicht so gut situiert sind – und die sind weit in der Überzahl- und auf engstem Raum mit existentiellen Sorgen leben müssen. Unser Gesundheitssystem ist überlastet. Unsere Seelsorge ist es auch! Achten wir alle unsere Mitmenschen in dieser schwierigen Zeit. Nicht allein nur ältere und vorerkrankte Mitbürger brauchen jetzt unsere Aufmerksamkeit. Achten wir auch auf die vielen einsamen, psychisch kranken, in ihrer Exisenz bedrohten und verzweifelten Menschen, genauso auch auf unsere verängstigten Kinder, denn all diese Menschen werden gerade noch weiter an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt. In der Politik und in den Medien haben sie kein Sprachrohr, da fehlt es sehr an Mitgefühl. Arbeiten wir in dieser Hinsicht an einer besseren Zukunft für uns alle.
Meistens habe ich sehr ernst und düster über meinen erbärmlichen Zustand geschrieben, manchmal aber auch etwas versöhnlicher und nicht ganz so ernst nehmend, wie in „Das Versteck“. Diese Zeilen sind jetzt neun Jahre her und doch treffen sie auch heute noch zu. Die Zeit in der ich monatelang litt ist glücklicherweise lange vorbei und doch schleichen sich immer mal wieder einzelne Tage ein, an denen ich mich verstecken möchte und einfach abwarten möchte, bis „es“ vorbei ist. Dann wache ich auf, fühle mich kaum in der Lage aufzustehen, immer den Tränen nahe und als ob ein Elefant auf meinem Brustkorb sitzt. Mein Partner ruft im Haus hoch, dass ich doch aufstehen soll. Früher wäre ich einfach liegen geblieben, heute rappele ich mich auf. Es ist nicht, dass, ich über das depressive Gefühl hinweg gehe; im Gegenteil, ich mache es mir sehr bewusst. In meinem Kopf werden mal wieder falsche Signale gesendet; Botenstoffe übermitteln falsche Nachrichten an Nervenzellen! Ich wache einfach damit auf, es gibt keinen Auslöser. Meinem Partner beschreibe ich den Zustand, als wäre dick Stretchfolie um mich gewickelt, so dass ich bewegungsunfähig bin und das Atmen mir schwer fällt. Zudem bin ich sehr ruhig in diesen Stunden. Vielleicht genießt er es in diesen Augenblicken sogar, denn sonst kann ich auch gut ein Plappermaul sein ;). Ich gehe zur Arbeit und gegen Mittag ist die dunkle Wolke um mich verschwunden. Einfach so, Glück gehabt heute! Heute kann ich es als so einfach schildern; das war es natürlich nicht und ist es bis heute nicht. Nicht umsonst war ich lange in Therapie, werde bis heute medizinisch begleitet und trainiere den Umgang mit meinem Anhängsel. Aber ich habe gelernt die Krankheit Depression zu akzeptieren. Sie wird immer mein Begleiter sein. Plump gesagt, wir haben Freundschaft geschlossen. Na ja, nicht ganz, eher, ich akzeptiere und respektiere meine Begleitung. Mal ist sie dominanter, mal weniger herrschend. Es ist und bleibt ein Balanceakt. Jeden Tag.
Dies ist die ausdrucksvollste und stimmigste Animation die Krankheit Depression zu erklären
„Keine Weisheit, die auf Erden gelehrt werden kann, kann uns das geben, was uns ein Wort und ein Blick der Mutter gibt“ – Wilhelm Raabe.
Es gibt so viele Gründe warum ein Mensch an Depression erkranken kann. Erst durch eine intensive Therapie viele Jahre später konnte ich verstehen warum es mir passierte. Davon werde ich erzählen. Besonders auch mit dem Hintergrund zu zeigen, dass wir Menschen viel stärker sind, als wir denken. Auch wenn ich den Mut verlor, blieb trotzdem die Sehnsucht und das Wissen, dass ich irgendwann zu dem fröhlichen Menschen zurück kehren werde der ich war und bin. Meine Mutter in so jungen Jahren zu verlieren, ist die tiefe Narbe meiner Seele. Aber ich habe das Gefühl, dass ich dadurch letztendlich zu der Person geworden bin, die ich heute bin. Ich verstehe den Weg des Lebens; um heute hier zu sein, musste ich durchmachen, was ich erlebt habe.
Meine Mutter mit 40 Jahren kurz vor ihrem Tod 1980. Ich, ihre Tochter heute!
Mit Ende 30 erkrankte meine Mutter, mein Zwillingsbruder und ich waren 12 Jahre alt. Da ich Jahre später ihre Aufzeichnungen gelesen habe, weiß ich heute wie hilflos sie und damals auch mein Vater, ihre Eltern, Freunde und Ärzte und besonders natürlich wir Kinder waren. Wir konnten gar nicht begreifen was mit unserer Mutter geschehen war. Nachts konnte sie vor Herzrasen nicht schlafen, tagsüber liefen die Tränen. Meine Eltern hatten einen sehr großen Freundeskreis, sehr oft trafen sie sich mit Freunden und feierten. Meine Mutter liebte Gesellschaft, morgens betrachteten mein Bruder und ich oft neugierig die Überbleibsel nach Partynächten zuhause, wie z.B. bunte Blechdosen für Zigarillos. Sie waren stark eingebunden erst in einen Reitverein, später war es Tennis. Meine Mutter wickelte mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem Lächeln jeden um den Finger. Ganz große Hilfsbereitschaft zeichnete sie aus, für uns Kinder war sie immer da. Das änderte sich plötzlich und niemand begriff damals was geschehen war. Ca. 2 Jahre kämpfte sie mit der Hilfe von Ärzten, verschiedenen Medikamenten, Akupunktur, Hypnose und Klinikaufenthalten. Nichts half. Wir erlebten sie zuhause weinend im Bett. Sie stand nicht auf, nach der Schule hofften wir vergeblich auf ein Mittagessen. Oft waren Freunde bei uns zuhause, die ihr gut zuredeten. Ich erinnere mich gut, dass meine Mutter immer sagte: „Ich will nicht verrückt werden, ich will nicht sterben“. Und ich als Kind immer nur antworten konnte: „Mami, du bist nicht verrückt und du musst nicht sterben.“ Nachdem sie einmal bereits versuchte sich das Leben zu nehmen, verschloss mein Vater ihre Medikamente, glaube ich mich zu erinnern. Wahrscheinlich gab er nur die Tagesration aus.
Es war an einem Sonntag. Meine Mutter war ungewöhnlich gelassen und gut gelaunt. Am frühen Abend verkündete sie noch einen Spaziergang zu machen. Mein Vater spaßte und sagte: “ du hast koch keine Medikamente dabei.“
Meine Mutter auf der Insel Formentera
Sie kehrte nie zurück. Große Suchaktionen starteten. Eineinhalb Monate war sie verschwunden. In der Zeit schickte unser Vater meinen Bruder und mich mit Bekannten in den Urlaub. Mein Bruder war in den Dolomiten, ich in Berlin. Als ich zurückkehrte und nicht mein Vater mich vom Flughafen abholte, sondern ein Freund, wusste ich, es ist etwas passiert. Zuhause in der Eingangstür verkündete mir mein Vater, meine Mutter sei tot gefunden worden, sie hatte sich im nah gelegenen See ertränkt. Mein Opa kam auf mich zu mit den Worten: „Kind, weine nicht.“ Das war alles …. Ich rannte heulend und aufgelöst die Treppen hoch zu meinem Bruder ins Zimmer, der auf dem Bett lag und nichts entgegnen konnte. Irgendwann in der Nacht kam mein Vater zu mir ans Bett, weinte und sagte er habe ihre Leiche identifizieren müssen und konnte, da sie vom Wasser nach 1 1/2 Monaten so aufgedunsen war, sie nur noch an ihrer Kette mit dem Tennischläger als Anhänger erkennen. Mit diesen grausamen Bildern im Kopf ließ er mich von da ab alleine. Meine Mutter wurde zum Tabuthema, wir durften nicht über sie sprechen. Niemand kümmerte sich um uns Kinder. Niemand. In der 8. Klasse sank ich ab, von damals der Klassenbesten zu den schriftlichen Noten 6 , 6 , 5+ in Mathematik. Das ist mir in Erinnerung geblieben. So trug ich mein ganzes Leben dieses traumatische Erlebnis mit mir. Mein Bruder und ich funktionierten einfach weiter, gingen zur Schule, zum Tennis, Guitarrenunterricht, usw. als sei nichts passiert. Es gab keine Gespräche, keinen Trost, niemand beantwortete unsere Fragen. Meine Mutter verließ uns mit den Zeilen in ihrem Kalender: Ich beschließe aus dem Leben zu gehen… Viele Jahre konnte ich nicht verstehen wie sie uns, ihre Kinder, im Stich lassen konnte. Heute kann ich nachvollziehen, wie sehr die Erkrankung an Depression den Menschen einnimmt und man einfach nicht mehr weiter weiß.
Als ich Jahre später selbst an Depression erkrankte, lernte ich in der Therapie, dass ich zum Schutz meines eigenen Überleben damals, nach dem Tod meiner Mutter, meine Gefühle eingefroren hatte. Als die Gefühle langsam wieder zurückkamen, musste ich vieles in dieser Hinsicht neu erlernen. Besonders schwierig war es für mich mit dem Gefühl der Wut umzugehen. Wut kannte ich nicht. Jetzt konnte ich sie kaum kontrollieren und benahm mich manchmal wie ein aufsässiges Kleinkind. Heute bin ich ein sehr glücklicher und dankbarer Mensch. Ich war stark und bin es noch heute. Was immer blieb ist eine Leere, welche ich an manchen Tagen spüre. Diese Leere ist nicht zu ersetzen; meine Mutter fehlt noch heute und dieses Empfinden bestärkte mich enorm, zu kämpfen um meiner Tochter so lange es geht mit meiner Liebe zur Seite zu stehen. Als ich 2011 sehr ernst an Depression erkrankte, musste sie im gleichen Alter diese Verlustangst erfahren , wie ich damals. Im Unterschied dazu erklärte ich ihr aber vieles, auch wenn sie natürlich trotzdem bangte und eine sehr schwierige Zeit durchmachte, da auch ich ihr in dieser Phase nicht die gewohnte Aufmerksamkeit schenken konnte. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Heute ist sie 21 Jahre alt und wir konnten manches aus der Zeit in ruhigen Gesprächen aufarbeiten, genauso aber gab es tränenreiche Diskussionen; ersetzen kann ich die gemeinsame Zeit die wir in der akuten depressiven Episode verloren, jedoch leider nicht. Und das bedauere ich heute sehr. Aber ich konnte damals nicht anders. Genauso wie meine Mutter vor Jahren nicht anders konnte, mein Vater all die Jahre nur mit Verdrängen zurecht kam und ich eher meine Großmutter über den Verlust ihrer Tochter hinwegtrösten musste, als dass sie mich wahrnahm. Irgendwann muss man verzeihen lernen.
It’s like climbing a staircase. I’m on the top of the staircase, I look behind me and I see the steps. That’s where I was. -Jeanne Moreau
Verlust
Es gibt eine so große Lücke in meinem Leben ,
immer wieder komme ich zu dem Punkt , dass etwas sehr bedeutungsvolles fehlt,
kein anderer Mensch kann in dieser Hinsicht etwas bewegen, geschweige mir das Fehlende geben.
Der Gedanke bleibt. Er quält.
Niemand kann die Liebe meiner Mutter ersetzen ,
die Sehnsucht nach Geborgenheit bleibt.
Leider,nach so vielen Jahren sind auch Erinnerungen nur noch Fetzen,
dennoch nichts was irgendwie befreit .
Es ist etwas essentiell Wesentliches ,
von einem auf den anderen Moment mir in der Kindheit entrissen,
funktionierte ich ewig emsig beflissen ,
heute wissend die Basis wurde mir komplett entrissen.
Es bleiben liebevolle und sehnsüchtige Gedanken ,
einem Menschen gegenüber der hilflos und in verzweifeltem Ranken,
mit einer Krankheit konfrontiert,
die unsäglich strapaziert.
Ein wichtiger Nachsatz:
bitte wenn auffällt, dass ein Familienmitglied, Freund oder Arbeitskollege, verschlossener wird, sich sozial abgrenzt, teilnahmslos ist, den Appetit verliert, schlaflos ist, vielleicht eine Sucht entwickelt und vor allem spätestens, wenn der Wunsch nach dem Tod geäußert wird, sprecht die Person deutlich an und bietet Hilfe an. Und werdet besonders hellhörig, wenn dieser Mensch plötzlich ruhig und fröhlich wirkt. Dann kann das Vorhaben sich tatsächlich das Leben zu nehmen, schon beschlossen sein.
Schien die Sonne vor kurzem noch monatelang, wird mir von jetzt auf gleich bang.
Plötzlich pfeift der Wind mir um die Ohren, schon beginnen alte Gedanken zu bohren.
Dicke Wolken scheinen zu erdrücken,
die Sonne kämpft sich durch wenige Lücken.
In jeder Zeit das Positive sehen,
aufrecht durch alle Stürme gehen,
egal was kommt zu akzeptieren,
tapfer und mutig jeder Situation entgegen marschieren !
Jede Witterung durchleben,
darin erklärt sich der Menschheit Bestreben.
Wir können so viel erreichen,
jeder ist verantwortlich im Stellen der Weichen .
Auch mit diesen Zeilen machte ich mir damals selbst Mut. Tatsächlich ist es so, ist man an Depression erkrankt, bleibt die Angst, dass auch wenn die Krankheit gerade schlummert, man erneut ins tiefe Dunkel sinkt. Bisher hatte ich in meinem Leben, angefangen im Alter von 26 Jahren, 4 depressive Episoden. Außer Therapien und medikamentöser Unterstützung, gibt es auch Ansätze und Wege diese Phasen ein wenig selbst zu steuern. Dabei ist es wichtig achtsamer zu sein, sich selbst mehr zu beobachten. Als ich nach langer Therapie plötzlich wieder anfing zu „schlittern“ (hier passen tatsächlich viele Verben den Zustand zu beschreiben z.B. auch wackeln, rutschen, purzeln, straucheln… und und und), suchte ich aufgrund meiner Unsicherheit kurzfristig erneut eine Psychotherapeutin auf. Die wenigen Gespräche mit ihr waren sehr prägend. Ich war nur 2 oder 3 mal bei ihr, aber es reichte aus, meine Schritte wortwörtlich wieder zu stabilisieren; in jeder Hinsicht. Daher kann ich nur befürworten nicht zu warten, sondern rechtzeitig das Gespräch suchen. Wenn ich mich im Sport verschlechtere, irgendwie der Wurm drin ist, suche ich doch auch die Unterstützung eines Trainers. Also ist es nicht verwerflich, mir in meinem Leben bei Bedarf einen Coach zu suchen. Die Therapeutin damals fand mich ok, wie ich bin und gab mir einen entscheidenden Hinweis mit auf den Weg. Hier merke ich kurz an, dass anhand meiner Erzählungen der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse, der zig Stunden, die ich dreimal in der Woche über fast zwei Jahre, die ich hinter mir hatte, die jetzige Therapeutin mir vorschlug ihre Kollegin bei der ich war, bei der Ärztekammer, anhand ethischer Richtlinien, die sie verletzt sah, anzuzeigen.Ich erwähne dies, um deutlich zu machen; eine Therapie ist kein Spaziergang. Dieser Prozess kostet enorm viel Kraft aber das ist ein anderes Thema und vielleicht nehme ich es irgendwann mal auf. Heute kann ich nur augenzwinkernd sagen, dass ich selbst diese Tortur damals überlebt habe 😉 Jetzt zurück zu der entscheidenden Aussage. Die Therapeutin nahm mir die Angst vor einem Rückschlag, indem sie mir erklärte, dass eine depressive Phase in 5-6 Wochen durch gestanden sei, sollte ich wieder straucheln. Ich weiß nicht einmal ob es tatsächlich so ist, ich habe es nie hinterfragt, aber seitdem kann ich viel leichter akzeptieren, sollte es mir wieder schlecht gehen. Die Akzeptanz hilft sehr. Ich sitze es einfach aus! Sehr anschaulich zeichnete sie mir auf, unter welchen Voraussetzungen eine neue depressive Episode wieder möglich ist. Sie malte mir 3 Töpfe; 1 Topf ist genetisch-biologisch fast randvoll, der zweite Topf ist ebenfalls durch meine Lebensgeschichte, die Belastungen und meiner Erfahrung mit der Welt als Kind gut gefüllt. Es passt fast nichts mehr rein. Sollten akute neue Belastungen Stress auslösen, so bringt dieser dritte Topf das Fass zum überlaufen. Mein oberstes Gebot bedeutet also dies in jedem Fall versuchen zu verhindern. Deshalb ist es wichtig auf mich zu achten. In der Vergangenheit habe ich auf viele und vieles geachtet, aber nicht auf mich. Ich muss mich beobachten. Dazu gehört meinem Körper Aufmerksamkeit zu schenken. Auf Schlaf, Appetit, Schmerzen und Erschöpfung zu achten. Mein Verhalten in Bezug auf sozialen Rückzug zu durchleuchten. Gedankliche Prozesse mir vor Augen zu führen und natürlich auch mir meiner Gefühle bewusst zu sein.
Es war ein Lernprozess mir anzutrainieren, inne zu halten und mich in Situationen z.B. zu fragen möchte ich das, ist es mein Wunsch, geht es mir gut damit. Auch für mich herauszufinden womit geht es mir gut, was tut mir gut. Heute weiß ich es besser, trotzdem ertappe ich mich natürlich auch dabei in alte Muster zurück zu fallen. Aber ich erkenne es zumindest jetzt und kann es ändern. Die Therapeutin empfahl mir damals auch den MBSR Achtsamkeitskurs zu machen. Trainieren tue ich nicht mehr, manchmal hole ich mir noch einmal die Unterlagen hervor, zweimal machte ich auch ein „refresher“ Wochenende. Das Achtsamkeitstraining hilft sich kennen zu lernen und zu reflektieren. Zum Beispiel über das ganz persönliche Stresserleben nachzudenken, indem ich mir beantworte 1. Ich gerate in Stress, wenn… 2. Ich setze mich unter Stress, indem… 3. Wenn ich im Stress bin, dann… Genauso kann ich achtsame Kommunikation üben und so meinen Anteil an einem Gefühl übernehmen und meinem Gegenüber mehr Spielraum geben. Im Verlauf eines Gesprächs ist es ein Unterschied, ob ich sage:“ Du bist rücksichtslos“ oder „Ich fühle mich übergangen.“ Ich Botschaften gelten als sehr kommunikationsförderlich. Sprich über dich selber, deine Gefühle und Gedanken. Konzentriere dich auf dein Erleben und entfalte es. Teile dem anderen so viel wie möglich mit, was dich bewegt. Eine positive Übung ist auch in 60 Sekunden zwanzig Dinge aufzuschreiben, für die man aufrichtig dankbar ist. Los! Es ist überraschend für wie vieles wir dankbar sein können. Die Hauptziele die sich für mich in diesen Kursen herauskristallisierten waren konsequenter und spielerischer mit meinen Wünschen umzugehen, nach für mich unangenehmen kränkenden Situationen mir Zeit zu nehmen und nicht gleich zu explodieren und weiterhin mein Bewusstsein im Allgemeinen, aber auch für meine Erkrankung behalten, schulen und natürlich damit umgehen. Hier merke ich gerade an Punkt zwei müsste ich mal wieder rangehen. Aber auch ganz simple Dinge erleichtern ein Leben mit Depression. Sehr hilfreich ist ein Tagesrhythmus einzuhalten. Für mich ist auch ein halbwegs aufgeräumtes Haus wichtig. Egal ist mir heute auch wie jemand über mich denkt. Mich muss auch nicht jeder mögen. Es muss für mich richtig sein, nicht für andere. Es kann nicht immer alles passen. Auch wenn ich gelassener geworden bin, ist die eigenartige Zeit im Moment schwierig. Dazu kommt die dunkle Jahreszeit. Jetzt müssen wir Menschen mehr selbst strahlen und freundlich miteinander umgehen. Also nicht verstecken, raus in die Natur. Bewegung hilft und ein agiler freundlicher Hund. Wenn es so einfach wäre 😉
Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel der Besorgnis über deinen Kopf fliegen, aber du kannst verhindern, dass sie sich auf deinem Kopf ein Nest bauen. M-Luther