Vertauschte Mäntel, verpatztes Jobinterview

Heute erzähle ich einfach eine Geschichte….

2014 beendete ich nach mehr als zwei Jahren eine tiefenpsychologische Therapie und im Anschluß eine Psychoanalayse. Als ich damals meiner Therapeutin zugewiesen wurde fragte ich sie zu Beginn wann denn der Zeitpunkt sei, dass wir uns wieder trennen werden. Sie antwortete, dass ich es merken werde, wenn es soweit ist. Nun irgendwann war für mich der Zeitpunkt gekommen mich von ihr zu verabschieden. Sie war damit gar nicht einverstanden, dass ich „mein Nest“ bei ihr verlasse; ich im Gegenteil fand es nötig doch mit dem Erlernten ins Leben zu gehen und zu üben. Ich warf von jetzt auf gleich alles über den Haufen. Wer meint das geht nicht, irrt. Ich trennte mich von allem: meinem Mann, meinem Haus, meinem Job, meinem Pferd. Von meiner geliebten Tochter natürlich nicht, aber da sie für ein Jahr eine Highschool in Kalifornien besuchte, waren wir mehrere tausend Kilometer entfernt.

Jetzt ging ich erst einmal auf Jobsuche. 1 1/2 Stunden Telefoninterview und später 4 stündiges Assessment Center bei einem weltweiten Anbieter von Finanzdienstleistungen lernte ich z.B. kennen, kurz machte ich die Erfahrung in einem 5 Sterne Hotel zu arbeiten. Das war immer ein Wunsch, ich stellte es mir spannend vor und wollte es von meiner bucket list streichen. Die Arbeit fiel mir auch sehr leicht. Für mich machte es kaum einen Unterschied; früher buchte ich Passagiere auf Boeing 747, jetzt Hotelgäste in Zimmer und an Tische im Restaurant. Aber letztendlich unterschieden sich Vorstellung und Realität und ich beendete das Hotelleben.

Flughafen Frankfurt, FAG, heute Fraport 1989

Da ich 15 Jahre am Flughafen Frankfurt für große internationale Fluggesellschaften tätig war, lebe ich Dienstleistung. Ich liebe Menschen und fühle mich ausgesprochen wohl unter ihnen. Zufällig entdeckte ich eine Stellenausschreibung und bewarb mich in einem der bedeutendsten Businessclubs in Europa mit dem Ziel Mitgliedern das Leben auf angenehmste Weise leichter machen können, denn darin war ich gut. Ich hatte viel Erfahrung in früherer Tätigkeit als Premium Services Agent bei einer großen amerikanischen Airline machen dürfen. Täglich betreute ich First- und Business Class Kunden in der Lounge und am Gate. Dies war sicher der Grund, dass ich zum Interview eingeladen wurde. Noch heute ist mir dieses Vorstellungsgespräch in bester Erinnerung. Die Einladung war früh morgens an einem Aschermittwoch. Jetzt feiere ich sehr sehr gerne Fasching wie wir in Hessen sagen und zog von mittags um 14 Uhr bis Mitternacht durch Straßen und Kneipen. Vorbereitet hatte ich mich überhaupt nicht. Ich zog mein schickes Boss Kostüm an und meinen schwarzen Boss Blazermantel, den ich so liebte. Am Empfang des potentiellen neuen Arbeitgebers gab ich den Mantel ab und wurde in einen der Konferenzräume geleitet. Ich erinnere mich als sei es gestern gewesen, wie mir der Geschäftsführer und die Personalleiterin gegenüber saßen. Sie hatten ein Konzept für ihr Interview, welches sie aber nicht verfolgen konnten. Ich plapperte ohne Punkt und Komma, erzählte zig Anekdoten aus meiner aufregenden Zeit mit Celebrities aus aller Welt am Flughafen. Sie fanden mich extrem unterhaltsam und hingen an meinen Lippen. Es war ein sehr angenehmes Gespräch, aber irgendwie auch seltsam, denn sie verloren mehr und mehr den Faden. Vielleicht fanden sie aber auch nur meine Geschichten sehr interessant und hörten gerne zu. Mein Mund war vom vielen Reden trocken, ich verabschiedete mich höflich, nahm am Empfang meinen Mantel entgegen und fuhr nach Hause. Zuhause angekommen zog ich mich um, den Mantel hängte ich in den Garderobenschrank. Ich muss, glaube ich , nicht erwähnen, dass ich eine Absage bekam. Das Frühjahr kam, der Mantel hing vergessen im Schrank. Der Sommer verging, es wurde Herbst und ich freute mich auf den schicken Mantel eines Abends. Ich griff in den Schrank und zog mir mein Boss Prachtstück in Gr. 34 über. Was war das? Wieso ist da ein Gürtel? Wieso versinke ich in dem Mantel ? Es war ein Boss Mantel, ja! Aber ein völlig anderes Modell und auch in einer anderen Größe. Ich war totunglücklich und zweifelte an mir, dass ich meinen eigenen Mantel nicht mehr erkannte. Irgendwann fiel mir ein, dass ich nach dem Vorstellungsgespräch im Frühjahr den Mantel nur über meinen Arm legte und gar nicht betrachtete. Das Interview war ein halbes Jahr her. Ich konnte jetzt schlecht nach meinem Mantel fragen. Und überhaupt; vielleicht haben sie mich nicht eingestellt, weil sie dachten ich hätte den Mantel geklaut. Solche Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich habe mich damals schon nicht brilliert, jetzt schämte ich mich noch dazu. Komisch aber auch, er muss ja der anderen Person zu klein gewesen sein. Warum hat mich niemand kontaktiert? Dennoch entschied ich den Mantel zu behalten, er wanderte allerdings in den Keller. Ich holte ihn jetzt nach 6 Jahren hervor und siehe da: In den letzten 6 Jahren hat sich mein Körper von einem krankhaft bedingten eckigen Gerippe zu einer normalen Figur entwickelt und der Mantel passt. Welche Geschichte der Mantel wohl hat? Meine dazu kennt ihr jetzt!

Abschied von meinem Elternhaus

Abschied nehmen von einem Haus voller Leben,

leider brachten Schicksale mein Herz zum Beben .

Voller Freude , Pläne und Euphorie von meinem Vater ins Detail umgesetzt,

waren doch Herz und Seele meiner Mutter durch Krankheit zu verletzt.

Ein Familienglück war hier nicht zu finden ,

der verzweifelte Tod meiner Mutter nie zu überwinden.

Wenn ich mir den ersten Satz meiner Zeilen durchlese, stimmt er schon nicht. Mein Elternhaus war nie voller Leben. Ich kann mich noch gut erinnern, als mein Vater als gelernter Zimmermann unser Haus damals plante. Aufregend waren die Räume auf der Skizzenrolle. Mein Zwillingsbruder und ich bekamen endlich eigene Zimmer. Wir waren damals 12 Jahre alt. Das Haus war sehr offen und großzügig gebaut. Ein Traum wurde wahr. Nicht aber für meine Mutter, die unser Haus als zu groß empfand und bald an Depression erkrankte. Einen Zusammenhang mag es nicht geben, tatsächlich aber fühlte sie sich gleich wieder elendig, sobald sie die Tür betrat, wenn sie aus Kliniken zurückkam, in denen es ihr deutlich besser ging. Zwei Jahre kämpfte sie gegen die Krankheit an, bis sie aufgab und sich das Leben nahm. Es gab eine ungewisse Zeit von ca. 1 1/2 Monaten bis ihre Leiche im Wasser gefunden wurde. Ab diesem Zeitpunkt durften wir Kinder weder weinen, noch über sie reden. Trost wurde uns nicht gespendet. Heute undenkbar. Das war 1980, meine Mutter war gerade mal 40 Jahre alt, mein Bruder und ich 14. Es wurde sehr still im Haus. Mitte 20 zog ich aus. Mein Vater wohnte noch eine Weile dort, später mein Bruder mit seiner damaligen Freundin, die später seine Frau wurde. Als die beiden beruflich Rodgau verließen wurde das Haus frei und ohne zu überlegen, zogen mein damaliger Mann und ich ein. Lange lebten wir dort, meine Tochter wurde geboren. In der Zeit begleiteten uns drei Hunde. 2011 erkrankte ich selbst an Depression. Wieder wurde es still in unserem Haus. 2014 nach langer Therapie ging es mir viel besser und ich war stark genug meinen Mann zu verlassen. Lange schon waren wir nicht mehr glücklich.

Meine Eltern glücklich am Meer 1965

Im Herbst 2015 lernte ich meinen jetzigen Partner kennen. Anfangs kam er immer wieder auf das Thema zurück, ob wir beide nicht in mein Elternhaus ziehen sollten. Wir hätten viel Geld gespart, unsere beiden Hunde hätten sehr viel Platz auf dem Grundstück gehabt, für unsere Kinder hätte es genug Gästezimmer gegeben . Und er hätte im großen Keller und in der Garage Platz für Werkzeug und Motorrad gehabt . Immer wieder wurde diese Option zum Gespräch, da in unserer kleinen angemieteten Doppelhaushälfte natürlich wesentlich weniger Platz war. Gründlich überlegte ich mir, welche Gründe ich denn hätte dort einzuziehen. Meinem Vater zu Ehren, in Anerkennung seiner Leistung, könnte ich sein Haus bewohnen. Ein weiterer Grund wäre gewesen, meiner Tochter ihr Elternhaus zu erhalten. Ihr fiel es viel schwerer das Haus aufgeben zu müssen. Mein Partner hätte viel Platz. Ich fand keinen einzigen Grund für mich und bin so froh mich dagegen entschieden zu haben. Ich wäre nicht glücklich geworden. Im Sommer letzten Jahres haben mein Ex-Mann und ich es gut verkaufen können und direkt im Anschluß fanden mein Partner und ich ein wunderbares Haus. Ganz nach unserem Geschmack! Sofort wurde es zu unserem Zuhause. Ganz leicht. Das hätten wir in dem anderen Haus nie gefunden. Die Götter senden uns immer wieder Gelegenheiten, wir müssen sie nur ergreifen; im richtigen Moment.