Schritt ins Licht

Freundlich und sanft fällt Licht in meinen dunklen Garten,

langsam wächst die Freude und ich kann es kaum erwarten.

Mein Leben sucht sich einen sicheren Weg,

so wie ins ungewisse Blau führt der breite Steg,

an dessen Ende es bedenkenlos gelingt zu springen,

wie ein Kind, neugierig und gespannt, was wird es bringen?

Kommt all das Bunte, die vielen Farben zurück in mein Leben?

Sind die Flügel schon kräftig genug mit Leichtigkeit zu schweben?

Ist es endlich Zeit für mein unbeschwertes Lachen,

für die wunderbare Vielfalt meiner Sinne, zu erwachen?

So lange habe ich mit mir gerungen,

Gefühle zeigen, nicht einmal das, ist mir gelungen.

All die Schätze, die im Verborgenen lagen,

es ist Zeit den Schritt ins Licht zu wagen!

(September 2014)

Die Intention meines Blogs ist hauptsächlich die Krankheit Depression anschaulicher und verständlicher zu machen, in dem ich selbst tiefe Einblicke in mein Leiden damals erlauben werde, welches sich in meinen Gedichten wiederfindet. Im Moment mag ich diese Zeilen aber nicht veröffentlichen. Sie sind schon sehr duster und erschrecken vielleicht so manchen. Heute bleibe ich lieber in der Zeit, die sich hoffnungsvoll und zuversichtlich zeigte.

Nachdem ich ca. 2 Jahre brav und tapfer 3 mal in der Woche meine strenge Therapeutin in Frankfurt am Main aufsuchte und irgendwann entschied, ich müsse doch mal wieder ins Leben gehen und mich ausprobieren, beendete ich die Besuche und demnach meine Therapie. Die Therapeutin, die auch Medizinerin war, versuchte mich mit allen Mitteln zu halten, aber meine Entscheidung war gefallen, auch wenn sie überzeugt war, ich könne mein Nest bei ihr nicht verlassen.

Es war nicht das einzige Nest, das ich verließ. Ich verließ auch meinen damaligen Mann und das gemeinsame Haus. Nach der Therapie fühlte ich mich sehr gestärkt, was im großen und ganzen auch so blieb, auch wenn es immer mal wieder Unsicherheiten und Rückschläge gab und auch heute noch gibt. Ich bezog eine alte Doppelhaushälfte. Den Umzug machte ich nach und nach mit meinem großem Geländewagen. Für die großen und schweren Sachen beauftragte ich ein Umzugsteam, eingige Möbel kaufte ich neu und ließ sie direkt dort anliefern.

Meine Hündin nahm ich mit, und dann saß ich da eines Abends nach so vielen Jahren ganz alleine. Hinter meinem Garten war nur ein kleiner Weg. Dort leuchtete sanft das Licht einer Laterne durch die Büsche auf die Wiese. Ich fühlte mich gut, befreit und bereit. Alles schien so friedlich, ich konnte aufatmen. Lange kaufte ich kein Fernsehgerät und vermisste es auch nicht. Ich nahm mir die Zeit beim Kisten auspacken alte Briefe zu lesen, meine Sammlung an Bildbänden durchzublättern, Musik zu hören, alles, und vor allem mich, neu zu sortieren. Es war eine wertvolle und sehr wohltuende Zeit. Manchmal überlegte ich was ich vermisste. Natürlich meine Tochter, die gerade ein Jahr in Kalifornien eine Highschool besuchte. Sie vermisste ich sehr. Ansonsten war es nicht viel. Der Kamin und das große Grundstück fehlten mir.

Zurückblickend bin ich heute sehr stolz auf mich. Ich besitze unheimlich viel Kraft, obwohl ich so vieles durchgemacht habe, oder gerade weil ich so viel ertragen musste von Kindheit an. Alles in allem war es ein langer Weg. In dem Haus blieb ich 3 Jahre. In der Zeit kam mein Lachen zurück, ich lernte meinen neuen Partner kennen und das Leben meint es sehr gut mit mir.

Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.

Demokrit

Verlust

„Keine Weisheit, die auf Erden gelehrt werden kann, kann uns das geben, was uns ein Wort und ein Blick der Mutter gibt“ – Wilhelm Raabe.

Es gibt so viele Gründe warum ein Mensch an Depression erkranken kann. Erst durch eine intensive Therapie viele Jahre später konnte ich verstehen warum es mir passierte. Davon werde ich erzählen. Besonders auch mit dem Hintergrund zu zeigen, dass wir Menschen viel stärker sind, als wir denken. Auch wenn ich den Mut verlor, blieb trotzdem die Sehnsucht und das Wissen, dass ich irgendwann zu dem fröhlichen Menschen zurück kehren werde der ich war und bin. Meine Mutter in so jungen Jahren zu verlieren, ist die tiefe Narbe meiner Seele. Aber ich habe das Gefühl, dass ich dadurch letztendlich zu der Person geworden bin, die ich heute bin. Ich verstehe den Weg des Lebens; um heute hier zu sein, musste ich durchmachen, was ich erlebt habe.

Meine Mutter mit 40 Jahren kurz vor ihrem Tod 1980. Ich, ihre Tochter heute!

Mit Ende 30 erkrankte meine Mutter, mein Zwillingsbruder und ich waren 12 Jahre alt. Da ich Jahre später ihre Aufzeichnungen gelesen habe, weiß ich heute wie hilflos sie und damals auch mein Vater, ihre Eltern, Freunde und Ärzte und besonders natürlich wir Kinder waren. Wir konnten gar nicht begreifen was mit unserer Mutter geschehen war. Nachts konnte sie vor Herzrasen nicht schlafen, tagsüber liefen die Tränen. Meine Eltern hatten einen sehr großen Freundeskreis, sehr oft trafen sie sich mit Freunden und feierten. Meine Mutter liebte Gesellschaft, morgens betrachteten mein Bruder und ich oft neugierig die Überbleibsel nach Partynächten zuhause, wie z.B. bunte Blechdosen für Zigarillos. Sie waren stark eingebunden erst in einen Reitverein, später war es Tennis. Meine Mutter wickelte mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem Lächeln jeden um den Finger. Ganz große Hilfsbereitschaft zeichnete sie aus, für uns Kinder war sie immer da. Das änderte sich plötzlich und niemand begriff damals was geschehen war. Ca. 2 Jahre kämpfte sie mit der Hilfe von Ärzten, verschiedenen Medikamenten, Akupunktur, Hypnose und Klinikaufenthalten. Nichts half. Wir erlebten sie zuhause weinend im Bett. Sie stand nicht auf, nach der Schule hofften wir vergeblich auf ein Mittagessen. Oft waren Freunde bei uns zuhause, die ihr gut zuredeten. Ich erinnere mich gut, dass meine Mutter immer sagte: „Ich will nicht verrückt werden, ich will nicht sterben“. Und ich als Kind immer nur antworten konnte: „Mami, du bist nicht verrückt und du musst nicht sterben.“ Nachdem sie einmal bereits versuchte sich das Leben zu nehmen, verschloss mein Vater ihre Medikamente, glaube ich mich zu erinnern. Wahrscheinlich gab er nur die Tagesration aus.

Es war an einem Sonntag. Meine Mutter war ungewöhnlich gelassen und gut gelaunt. Am frühen Abend verkündete sie noch einen Spaziergang zu machen. Mein Vater spaßte und sagte: “ du hast koch keine Medikamente dabei.“

Meine Mutter auf der Insel Formentera

Sie kehrte nie zurück. Große Suchaktionen starteten. Eineinhalb Monate war sie verschwunden. In der Zeit schickte unser Vater meinen Bruder und mich mit Bekannten in den Urlaub. Mein Bruder war in den Dolomiten, ich in Berlin. Als ich zurückkehrte und nicht mein Vater mich vom Flughafen abholte, sondern ein Freund, wusste ich, es ist etwas passiert. Zuhause in der Eingangstür verkündete mir mein Vater, meine Mutter sei tot gefunden worden, sie hatte sich im nah gelegenen See ertränkt. Mein Opa kam auf mich zu mit den Worten: „Kind, weine nicht.“ Das war alles …. Ich rannte heulend und aufgelöst die Treppen hoch zu meinem Bruder ins Zimmer, der auf dem Bett lag und nichts entgegnen konnte. Irgendwann in der Nacht kam mein Vater zu mir ans Bett, weinte und sagte er habe ihre Leiche identifizieren müssen und konnte, da sie vom Wasser nach 1 1/2 Monaten so aufgedunsen war, sie nur noch an ihrer Kette mit dem Tennischläger als Anhänger erkennen. Mit diesen grausamen Bildern im Kopf ließ er mich von da ab alleine. Meine Mutter wurde zum Tabuthema, wir durften nicht über sie sprechen. Niemand kümmerte sich um uns Kinder. Niemand. In der 8. Klasse sank ich ab, von damals der Klassenbesten zu den schriftlichen Noten 6 , 6 , 5+ in Mathematik. Das ist mir in Erinnerung geblieben. So trug ich mein ganzes Leben dieses traumatische Erlebnis mit mir. Mein Bruder und ich funktionierten einfach weiter, gingen zur Schule, zum Tennis, Guitarrenunterricht, usw. als sei nichts passiert. Es gab keine Gespräche, keinen Trost, niemand beantwortete unsere Fragen. Meine Mutter verließ uns mit den Zeilen in ihrem Kalender: Ich beschließe aus dem Leben zu gehen… Viele Jahre konnte ich nicht verstehen wie sie uns, ihre Kinder, im Stich lassen konnte. Heute kann ich nachvollziehen, wie sehr die Erkrankung an Depression den Menschen einnimmt und man einfach nicht mehr weiter weiß.

Als ich Jahre später selbst an Depression erkrankte, lernte ich in der Therapie, dass ich zum Schutz meines eigenen Überleben damals, nach dem Tod meiner Mutter, meine Gefühle eingefroren hatte. Als die Gefühle langsam wieder zurückkamen, musste ich vieles in dieser Hinsicht neu erlernen. Besonders schwierig war es für mich mit dem Gefühl der Wut umzugehen. Wut kannte ich nicht. Jetzt konnte ich sie kaum kontrollieren und benahm mich manchmal wie ein aufsässiges Kleinkind. Heute bin ich ein sehr glücklicher und dankbarer Mensch. Ich war stark und bin es noch heute. Was immer blieb ist eine Leere, welche ich an manchen Tagen spüre. Diese Leere ist nicht zu ersetzen; meine Mutter fehlt noch heute und dieses Empfinden bestärkte mich enorm, zu kämpfen um meiner Tochter so lange es geht mit meiner Liebe zur Seite zu stehen. Als ich 2011 sehr ernst an Depression erkrankte, musste sie im gleichen Alter diese Verlustangst erfahren , wie ich damals. Im Unterschied dazu erklärte ich ihr aber vieles, auch wenn sie natürlich trotzdem bangte und eine sehr schwierige Zeit durchmachte, da auch ich ihr in dieser Phase nicht die gewohnte Aufmerksamkeit schenken konnte. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Heute ist sie 21 Jahre alt und wir konnten manches aus der Zeit in ruhigen Gesprächen aufarbeiten, genauso aber gab es tränenreiche Diskussionen; ersetzen kann ich die gemeinsame Zeit die wir in der akuten depressiven Episode verloren, jedoch leider nicht. Und das bedauere ich heute sehr. Aber ich konnte damals nicht anders. Genauso wie meine Mutter vor Jahren nicht anders konnte, mein Vater all die Jahre nur mit Verdrängen zurecht kam und ich eher meine Großmutter über den Verlust ihrer Tochter hinwegtrösten musste, als dass sie mich wahrnahm. Irgendwann muss man verzeihen lernen.

Verlust

Es gibt eine so große Lücke in meinem Leben ,

immer wieder komme ich zu dem Punkt , dass etwas sehr bedeutungsvolles fehlt,

kein anderer Mensch kann in dieser Hinsicht etwas bewegen, geschweige mir das Fehlende geben.

Der Gedanke bleibt. Er quält.

Niemand kann die Liebe meiner Mutter ersetzen ,

die Sehnsucht nach Geborgenheit bleibt.

Leider,nach so vielen Jahren sind auch Erinnerungen nur noch Fetzen,

dennoch nichts was irgendwie befreit .

Es ist etwas essentiell Wesentliches ,

von einem auf den anderen Moment mir in der Kindheit entrissen,

funktionierte ich ewig emsig beflissen ,

heute wissend die Basis wurde mir komplett entrissen.

Es bleiben liebevolle und sehnsüchtige Gedanken ,

einem Menschen gegenüber der hilflos und in verzweifeltem Ranken,

mit einer Krankheit konfrontiert,

die unsäglich strapaziert.

Ein wichtiger Nachsatz:

bitte wenn auffällt, dass ein Familienmitglied, Freund oder Arbeitskollege, verschlossener wird, sich sozial abgrenzt, teilnahmslos ist, den Appetit verliert, schlaflos ist, vielleicht eine Sucht entwickelt und vor allem spätestens, wenn der Wunsch nach dem Tod geäußert wird, sprecht die Person deutlich an und bietet Hilfe an. Und werdet besonders hellhörig, wenn dieser Mensch plötzlich ruhig und fröhlich wirkt. Dann kann das Vorhaben sich tatsächlich das Leben zu nehmen, schon beschlossen sein.