Verlust

„Keine Weisheit, die auf Erden gelehrt werden kann, kann uns das geben, was uns ein Wort und ein Blick der Mutter gibt“ – Wilhelm Raabe.

Es gibt so viele Gründe warum ein Mensch an Depression erkranken kann. Erst durch eine intensive Therapie viele Jahre später konnte ich verstehen warum es mir passierte. Davon werde ich erzählen. Besonders auch mit dem Hintergrund zu zeigen, dass wir Menschen viel stärker sind, als wir denken. Auch wenn ich den Mut verlor, blieb trotzdem die Sehnsucht und das Wissen, dass ich irgendwann zu dem fröhlichen Menschen zurück kehren werde der ich war und bin. Meine Mutter in so jungen Jahren zu verlieren, ist die tiefe Narbe meiner Seele. Aber ich habe das Gefühl, dass ich dadurch letztendlich zu der Person geworden bin, die ich heute bin. Ich verstehe den Weg des Lebens; um heute hier zu sein, musste ich durchmachen, was ich erlebt habe.

Meine Mutter mit 40 Jahren kurz vor ihrem Tod 1980. Ich, ihre Tochter heute!

Mit Ende 30 erkrankte meine Mutter, mein Zwillingsbruder und ich waren 12 Jahre alt. Da ich Jahre später ihre Aufzeichnungen gelesen habe, weiß ich heute wie hilflos sie und damals auch mein Vater, ihre Eltern, Freunde und Ärzte und besonders natürlich wir Kinder waren. Wir konnten gar nicht begreifen was mit unserer Mutter geschehen war. Nachts konnte sie vor Herzrasen nicht schlafen, tagsüber liefen die Tränen. Meine Eltern hatten einen sehr großen Freundeskreis, sehr oft trafen sie sich mit Freunden und feierten. Meine Mutter liebte Gesellschaft, morgens betrachteten mein Bruder und ich oft neugierig die Überbleibsel nach Partynächten zuhause, wie z.B. bunte Blechdosen für Zigarillos. Sie waren stark eingebunden erst in einen Reitverein, später war es Tennis. Meine Mutter wickelte mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem Lächeln jeden um den Finger. Ganz große Hilfsbereitschaft zeichnete sie aus, für uns Kinder war sie immer da. Das änderte sich plötzlich und niemand begriff damals was geschehen war. Ca. 2 Jahre kämpfte sie mit der Hilfe von Ärzten, verschiedenen Medikamenten, Akupunktur, Hypnose und Klinikaufenthalten. Nichts half. Wir erlebten sie zuhause weinend im Bett. Sie stand nicht auf, nach der Schule hofften wir vergeblich auf ein Mittagessen. Oft waren Freunde bei uns zuhause, die ihr gut zuredeten. Ich erinnere mich gut, dass meine Mutter immer sagte: „Ich will nicht verrückt werden, ich will nicht sterben“. Und ich als Kind immer nur antworten konnte: „Mami, du bist nicht verrückt und du musst nicht sterben.“ Nachdem sie einmal bereits versuchte sich das Leben zu nehmen, verschloss mein Vater ihre Medikamente, glaube ich mich zu erinnern. Wahrscheinlich gab er nur die Tagesration aus.

Es war an einem Sonntag. Meine Mutter war ungewöhnlich gelassen und gut gelaunt. Am frühen Abend verkündete sie noch einen Spaziergang zu machen. Mein Vater spaßte und sagte: “ du hast koch keine Medikamente dabei.“

Meine Mutter auf der Insel Formentera

Sie kehrte nie zurück. Große Suchaktionen starteten. Eineinhalb Monate war sie verschwunden. In der Zeit schickte unser Vater meinen Bruder und mich mit Bekannten in den Urlaub. Mein Bruder war in den Dolomiten, ich in Berlin. Als ich zurückkehrte und nicht mein Vater mich vom Flughafen abholte, sondern ein Freund, wusste ich, es ist etwas passiert. Zuhause in der Eingangstür verkündete mir mein Vater, meine Mutter sei tot gefunden worden, sie hatte sich im nah gelegenen See ertränkt. Mein Opa kam auf mich zu mit den Worten: „Kind, weine nicht.“ Das war alles …. Ich rannte heulend und aufgelöst die Treppen hoch zu meinem Bruder ins Zimmer, der auf dem Bett lag und nichts entgegnen konnte. Irgendwann in der Nacht kam mein Vater zu mir ans Bett, weinte und sagte er habe ihre Leiche identifizieren müssen und konnte, da sie vom Wasser nach 1 1/2 Monaten so aufgedunsen war, sie nur noch an ihrer Kette mit dem Tennischläger als Anhänger erkennen. Mit diesen grausamen Bildern im Kopf ließ er mich von da ab alleine. Meine Mutter wurde zum Tabuthema, wir durften nicht über sie sprechen. Niemand kümmerte sich um uns Kinder. Niemand. In der 8. Klasse sank ich ab, von damals der Klassenbesten zu den schriftlichen Noten 6 , 6 , 5+ in Mathematik. Das ist mir in Erinnerung geblieben. So trug ich mein ganzes Leben dieses traumatische Erlebnis mit mir. Mein Bruder und ich funktionierten einfach weiter, gingen zur Schule, zum Tennis, Guitarrenunterricht, usw. als sei nichts passiert. Es gab keine Gespräche, keinen Trost, niemand beantwortete unsere Fragen. Meine Mutter verließ uns mit den Zeilen in ihrem Kalender: Ich beschließe aus dem Leben zu gehen… Viele Jahre konnte ich nicht verstehen wie sie uns, ihre Kinder, im Stich lassen konnte. Heute kann ich nachvollziehen, wie sehr die Erkrankung an Depression den Menschen einnimmt und man einfach nicht mehr weiter weiß.

Als ich Jahre später selbst an Depression erkrankte, lernte ich in der Therapie, dass ich zum Schutz meines eigenen Überleben damals, nach dem Tod meiner Mutter, meine Gefühle eingefroren hatte. Als die Gefühle langsam wieder zurückkamen, musste ich vieles in dieser Hinsicht neu erlernen. Besonders schwierig war es für mich mit dem Gefühl der Wut umzugehen. Wut kannte ich nicht. Jetzt konnte ich sie kaum kontrollieren und benahm mich manchmal wie ein aufsässiges Kleinkind. Heute bin ich ein sehr glücklicher und dankbarer Mensch. Ich war stark und bin es noch heute. Was immer blieb ist eine Leere, welche ich an manchen Tagen spüre. Diese Leere ist nicht zu ersetzen; meine Mutter fehlt noch heute und dieses Empfinden bestärkte mich enorm, zu kämpfen um meiner Tochter so lange es geht mit meiner Liebe zur Seite zu stehen. Als ich 2011 sehr ernst an Depression erkrankte, musste sie im gleichen Alter diese Verlustangst erfahren , wie ich damals. Im Unterschied dazu erklärte ich ihr aber vieles, auch wenn sie natürlich trotzdem bangte und eine sehr schwierige Zeit durchmachte, da auch ich ihr in dieser Phase nicht die gewohnte Aufmerksamkeit schenken konnte. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Heute ist sie 21 Jahre alt und wir konnten manches aus der Zeit in ruhigen Gesprächen aufarbeiten, genauso aber gab es tränenreiche Diskussionen; ersetzen kann ich die gemeinsame Zeit die wir in der akuten depressiven Episode verloren, jedoch leider nicht. Und das bedauere ich heute sehr. Aber ich konnte damals nicht anders. Genauso wie meine Mutter vor Jahren nicht anders konnte, mein Vater all die Jahre nur mit Verdrängen zurecht kam und ich eher meine Großmutter über den Verlust ihrer Tochter hinwegtrösten musste, als dass sie mich wahrnahm. Irgendwann muss man verzeihen lernen.

Verlust

Es gibt eine so große Lücke in meinem Leben ,

immer wieder komme ich zu dem Punkt , dass etwas sehr bedeutungsvolles fehlt,

kein anderer Mensch kann in dieser Hinsicht etwas bewegen, geschweige mir das Fehlende geben.

Der Gedanke bleibt. Er quält.

Niemand kann die Liebe meiner Mutter ersetzen ,

die Sehnsucht nach Geborgenheit bleibt.

Leider,nach so vielen Jahren sind auch Erinnerungen nur noch Fetzen,

dennoch nichts was irgendwie befreit .

Es ist etwas essentiell Wesentliches ,

von einem auf den anderen Moment mir in der Kindheit entrissen,

funktionierte ich ewig emsig beflissen ,

heute wissend die Basis wurde mir komplett entrissen.

Es bleiben liebevolle und sehnsüchtige Gedanken ,

einem Menschen gegenüber der hilflos und in verzweifeltem Ranken,

mit einer Krankheit konfrontiert,

die unsäglich strapaziert.

Ein wichtiger Nachsatz:

bitte wenn auffällt, dass ein Familienmitglied, Freund oder Arbeitskollege, verschlossener wird, sich sozial abgrenzt, teilnahmslos ist, den Appetit verliert, schlaflos ist, vielleicht eine Sucht entwickelt und vor allem spätestens, wenn der Wunsch nach dem Tod geäußert wird, sprecht die Person deutlich an und bietet Hilfe an. Und werdet besonders hellhörig, wenn dieser Mensch plötzlich ruhig und fröhlich wirkt. Dann kann das Vorhaben sich tatsächlich das Leben zu nehmen, schon beschlossen sein.

Autor: annaunschlagbar

Well, I guess it's not in the 10 commandments that old women cant climb up trees.

7 Kommentare zu „Verlust“

  1. liebe anna, das muss ein großer schock für dich gewesen sein, damals. schrecklich, ein einschneidendes erlebnis. dass du durch eine therapie wieder zurück zu dir kommen konntest freut mich sehr für dich. ich wünsche dir viel kraft weiterhin und alles gute. liebe grüße aus berlin.

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      1. Gern geschehen. Deine Zeilen haben mich berührt.
        Ja, das Leben kann herrlich sein, aber man darf auch traurig sein, wenn man traurig ist, finde ich. Ich wünsche Dir viele angenehme und leichte Tage und wenn Du mal traurig bist, dann darf das auch sein. Sei lieb und sanft mit Dir. Alles Gute.

        Gefällt 1 Person

  2. Liebe Andrea,

    Deine Worte und Deine kompromisslose Ehrlichkeit gehen tief.

    Ich kann mich gut an Deine Mutter erinnern. Wenn wir in Deinem Zimmer gespielt haben, hat sie uns immer Kekse hochgebracht. Sie verkörperte eine besondere Eleganz und hatte auf mich eine ungewöhnliche Ausstrahlung.

    Und ja, diesen Verlust kann niemand niemals in diesem Leben ersetzen. Das einsame Kind in Dir, das verlassen und von allen allein gelassen wurde. Welch unendlichen Schmerz muss es empfunden haben. Und doch heute das Verzeihen, weil Du spürst, dass sie es nicht anders wussten und konnten. Du hast Dein inneres Kind umarmt und ihm ein Zu Hause gegeben. Welche Stärke!

    Und dann Deine Krankheit. Im Familiensystem sagt man, dass das Kind die Last des anderen trägt, als wäre es seine eigene. Unter der Decke der Krankheit gibt es einen Mut und eine Stärke. Mit diesen hast Du Dich verbunden und den Weg aus diesem tiefen Tal gefunden, hast es sogar auf den Gipfel geschafft, für Deine Tochter und für Dich. Stark!

    Das macht Mut für alle anderen!

    Wir kennen uns nun schon fast unser ganzes Leben. Es liegt mir am Herzen, Dir zu sagen, dass ich Dich immer als stark empfunden habe und in verschiedenen Hinsichten warst Du mir ein Vorbild.

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  3. Liebe Andrea , 🙋‍♀️
    Das sind wahnsinnig offene Worte .
    Und mit jedem Satz spürt man das du jetzt eine starke Frau bist , die sogar mit ihrer Kraft anderen vermag zu helfen .
    Wieder mal hast du mich berührt und meinen Respekt vor dir und deinen Angehörigen vergrößert .
    Ich drück dich virtuell und sage „ danke 🙏 „ dafür , das du uns teilnehmen lässt .. … und damit sensibilisierst 😘❤️
    Liebe Grüße conny

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