Der fast vergessene Name

Wie fange ich an? Noch kenne ich auch gar nicht meine Intention, warum ich diesen Text schreibe. Aus Anklage? Nein, das ist nicht der Grund. Eher um mit meiner Einzeldarstellung die Debatte, die der Mordfall einer jungen Frau auf ihrem Nachhausesweg in Großbritannien und in vielen anderen Teilen der Welt ausgelöst hat zu unterstreichen. Der Fall, der leider kein Einzelfall ist, zog so viel Aufmerksamkeit auf sich, vor allem wegen der Reaktion einzelner Männer und Behörden. Es geht nicht um die Frage, warum eine Frau im Dunkeln noch so spät unterwegs ist oder sich in einsamen Gegenden aufhält. Es steht auch nicht zur Diskussion was sie getragen hat. Nicht Frauen müssen ihr Verhalten ändern, sondern Männer! Laut einer von der britischen Vertretung von UN Woman veröffentlichen Studie haben 97 Prozent aller Frauen zwischen 18 und 24 Jahren schon sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum erfahren. Dass dieses Problem nicht allein ein britisches, sondern ein weltweites ist, sollte klar sein. Es gibt kein Land, in dem es keine patriarchale Gewalt gibt. Es gibt Empfehlungen, wie man sich als Frau verhalten soll, wenn es mulmig wird; z.B. eine aufrechte Haltung einnehmen, mitten auf dem Bürgersteig gehen, nicht an der Häuserwand entlang schleichen, nicht stimmlich einknicken und den Mut haben wirklich sehr laut um Hilfe zu schreien. Dennoch kann dies in einer Gesellschaft, in der alle Menschen sich gleich wohl fühlen sollten, wenn sie draußen sind, keine Lösung sein. Als meine Tochter zum Studium nach Berlin zog, hatte ich anfangs Angst, wenn sie nachts alleine in ihre WG zurückkehrt. Mittlerweile denke ich persönlich, dass es in einer Großstadt fast sicherer ist, als auf dem Dorf, da dort auch nachts noch viel mehr Bewegung ist. Und es gibt Städte, in denen U-Bahn Stationen um Mitternacht belebter sind als um 11 Uhr morgens, so ging es mir zumindest in Madrid, als ich alleine die Stadt erkundete und mich auch nachts nicht unsicher fühlte. Eine gute Initiative ist das deutschlandweite Heimwegtelefon. Das Heimwegtelefon ist ein Service bei dem man nachts anrufen kann, wenn man sich auf dem Nachhauseweg unsicher fühlt. Am Telefon wird man von einem* einer Ehrenamtlichen bis nach Hause begleitet. Erreichbar Sonntag bis Donnerstag von 18 bis 00 Uhr und Freitag bis Samstag von 18 bis 03 Uhr unter 030 12074182.

Warum kam das Thema bei mir plötzlich auf? In der Regel habe ich keine Angst. Immer war ich auch alleine tief im Wald unterwegs, ob mit dem Fahrrad oder regelmäßig zum Joggen. Zwar ist meistens mein Hund dabei, aber mit 22 kg kann der nicht viel ausrichten, sollte ich in eine brenzliche Lage kommen. Gestern aber hatte ich eine so seltsame und ungewöhnliche Begegnung im Wald, die mir Angst machte und ich eine Weile überlegen musste, warum ich so getriggert wurde, denn die Situation war nicht beängstigend, sondern einfach nur völlig fremd. In New York hätte ich mich vielleicht nicht so sehr gewundert, aber im beschaulichen Seligenstadt schon. Nach der Begegnung mit der auffälligen Person musste ich googeln, was dahinter steckt und bekomme jetzt eventuell Werbung diesbezüglich, was mich jedoch in keinster Weise betrifft. Da ich kurzsichtig bin, konnte ich anfangs nur erkennen, dass die Person von großer Statur ist und sich anders bewegt. Ich dachte an einen älteren Herrn, der eventuell mit Gewichten an den Handgelenken läuft, so wie ich das tue. Er schien fast ein wenig Roboter gleich. Da ich weiß, dass meine Hündin oft ängstlich reagiert, wenn jemand sehr groß ist und dazu dunkle Kleidung trägt, nahm ich sie näher zu mir. Je näher mir die Person auf dem Waldweg kam, desto befremdlicher wurde das Erscheinungsbild. Erst in unmittelbarer Nähe konnte ich mir ein genaues Bild machen, auch wenn ich mich scheute, die Person genau zu betrachten. Ich weiß nicht ob ich nur erstaunt schaute oder verängstigt, jedenfalls grüßte ich mit einem freundlichen „Hallo“ und bekam im Gegenzug ein kurzes Winken mit dem Vorderhuf zurück. Ja, mit einem der beiden Hufe, denn die Person war, zwar aufrecht gehend, als Pferd unterwegs! Der komplette Körper, auch Kopf und Gesicht, waren in einem schwarzen Ganzkörper Latexanzug. Auf dem Kopf trug der Mann eine lange helle Mähne, in gleicher Farbe war der Schweif hinten. Er atmete schwer. Auch Gurte und Karabiner trug er mit sich. Meine Hündin reagierte seltsamerweise gar nicht, obwohl sie mich regelmäßig anbellte, wenn ich im Faschingskostüm die Treppe herunter kam. Ich war jedenfalls total perplex und überfordert mit der Begegnung. Ich las nach, dass sich dieser Fetisch „Pony Play“ nennt und die Fans die Charaktereigenschaften des dargestellten Tieres übernehmen. Gut, wäre dies geklärt, an dieser Stelle. Trotz allem beschäftigte mich die Begegnung noch den ganzen Nachmittag und erst am Abend konnte ich mir erklären, warum diese Situation mich so nachdenklich machte.

Nach einer Begegnung mit einem maskierten Mann vor Jahren ist mir diese eine Angst geblieben. Sobald das Gesicht eines Menschen nicht zu erkennen ist, bin ich handlungsunfähig, versteinert. Und gestern wurde ich durch das harmlose Pferd im Wald daran erinnert. Und hier komme ich auf mein eigentliches Thema zurück. Aus gewaltsamen Begegnungen mit Männern bleibt eine Bandbreite von, milde ausgedrückt, unschönen Erinnerungen. Selbst wenn eine Frau körperlich relativ unverletzt bleibt, bleibt die seelische Grausamkeit ein Thema und verheilt nie vollständig. Ich möchte dies hier nicht vertiefen, aber unsere Gesellschaft sollte alles dafür tun, dass Frauen und Kinder sicherer vor Gewalt geschützt sind.

Der fast vergessene Name

Was erfolgreich Jahre schien verdrängt,

sich plötzlich schonungslos mit Gewalt aufzwängt.

Stück für Stück kommt die Erinnerung,

nackt und hilflos ohne Linderung.

Angstvolle Minuten, Stunden kehren zurück,

kaum zu ertragen dieses Unglück.

Verletzlich wie ein angeschossenes Reh,

bist du am Boden; alles tut dir weh.

Im Dunklen völlig orientierungslos,

allein gelassen, zerbrechlich und hilflos

kannst du dich kaum bewegen,

frierend auf feuchtem Laub vom Regen.

Fängst langsam an dich zu besinnen,

krampfhaft versuchend dem gerade Erlebten zu entrinnen,

Schmerzen, Gefühle schnell vergessen,

aufs pure Überleben versessen.

Dem Verbrechen keinen Namen geben,

denn ein Name bedeutet Leben.

Doch als letztes tief vergrabenes Detail,

kommt leider auch der Name wieder vorbei.